Dienstag, 15. August 2023

Kleider aus (Weiden-) Geflecht - auf der Durchreise in Lichtenfels/Oberfranken

Sonntag habe ich auf der Rückfahrt von Bayreuth nach Frankfurt einen kleinen Stopp in Lichtenfels gemacht. Ich bin schon mehrfach dort vorbei gefahren und fand, dass der Ort von der Bahn immer sehr hübsch aussah, so wollte ich ihn mir einmal genauer anschauen. Vorher habe ich etwas recherchiert und festgestellt, dass es sich um eine alte Korbflechterstadt mit der einzigen Berufsfachschule für Flechtkunst handelt. Wenn man es nicht vorher gelesen hätte, hätte man spätestens am Bahnhof, aber noch massiver in der Stadt gemerkt, dass hier alle geflochten ist: Abfalleimer, Blumenkörbe, Sitzbänke, Leuchtenummantelungen, einfach alles!


Ziel meiner kleinen Stadtbesichtigung war das Museum im Stadtschloss, dort gibt es neben traditionellem Flechtwerk, hier eine Tasche des diesjährigen Absolventenjahrgangs

ziemlich coole Kostüme aus verschiedenen geflochtenen Materialien. Es handelt sich um die 7 Salix und 7 Plejaden, auf der Website der Künstlerin Berit Ida gibt es das Begleitheft mit Fotos und Erläuterungen. Hier die Übersicht aus der Ausstellung:

Neben den Puppen liefen Videos, die die Kostüme am Körper und in Bewegung zeigten. Wahnsinn (nach Wahnfried und Wahnfood). Ich konnte mich nicht entscheiden, welche Fotos ich hier zeige, deswegen sind es mehrere geworden:







Die Öffnungszeiten des Museums sind leider ziemlich dürftig (ich habe vorher noch eine längere Wanderung unternommen, um nicht zu früh dort zu sein), aber falls man in der Nähe ist, lohnt es sich unbedingt reinzugehen. Spannend, was es manchmal in der Provinz zu entdecken gibt.

Viele Grüße

Anja

Mittwoch, 2. August 2023

Me made Mittwoch - Grasser 959

Immer mal wieder stolpere ich über die Website vom russischen Schnittmusterhersteller Grasser Pattern. Sekundenlang frage ich mich dann, ob es in diesen Zeiten überhaupt o.k. ist, dort etwas zu bestellen. Grenzwertig ist auch deren freches Kopieren von Designeroriginalen mit Veröffentlichung von Originalfotos. Bis vor kurzem bin ich aber nie wirklich in Versuchung gekommen.

Vor Jahren habe ich mit diesem Kleid von Julia geliebäugelt. Abgeschreckt haben mich damals die russische Sprache (die Übersetzungen kamen erst danach irgendwann) und der Stoffverbrauch, der große Restmengen nach sich zieht. Nun poppte mir im Juni dieses Kleid entgegen. Ähnlich dem von Julia, aber mit einem wintergeeigneten Kragen, auf Englisch und laut Natallia mit ausführlicher Anleitung (das kann man irgendwie an den Nummern erkennen - und am Preis).


Ich habe meine Bedenken über Bord geworfen als mir bei der Karstadt Insolvenz zwei Wollmélange Stoffe (100 % Polyacryl allerdings) in fast den oben gezeigten Farben mit 90 % Rabatt über den Weg liefen. Und weil ich so begeistert bin, der Wollmélange nicht für richtig kalte Wintertage geeignet ist und es außerdem ein paar Sachen am Schnitt und in der Herstellung für mich zu verbessern gibt, habe ich mittlerweile bei The Fabric Sales Sweat bestellt (wird heute geliefert). Dafür wird der Schnitt empfohlen. Meine Wollmélange funktioniert auch, dünnerer Jersey würde sicher ebenso gehen.

Eine technische Zeichnung gibt es auch, die Idee ist, das Kleid zweifarbig zu nähen, aber ich habe im Netz auch ein einfarbiges Beispiel mit hervorgehobenen Nähten gesehen, auch eine gute Idee:




Ich habe wenig Erfahrung mit Kaufschnittmustern, war aber von dem letzten etwas enttäuscht, siehe Beschreibung hier. Bei Grasser war das Herunterladen einfacher, die Schnittzugabe war nur 1 cm, das finde ich perfekt. Die Anleitung ist so unglaublich detailliert wie ich noch nie eine Anleitung gesehen habe. Es fing schon damit an, dass die Mengen für unterschiedliche Stoffbreiten angegeben waren, dann immer wieder Bügelhinweise, gut kontrastierende Farbfotos, verständliche (einfache) Sprache usw., es gab an keiner Stelle irgendetwas, wo ich nachdenken musste. Erinnert an Vogue, Butterick usw., nur mit Fotos statt Skizzen und noch mehr Hinweisen, die natürlich eigentlich selbstverständlich sind, aber doch schön, wenn man nochmal erinnert wird.

Hinsichtlich der Größe bei Grasser war ich unsicher (man bestellt einen Eingrößenschnitt, der sich an der Körpergröße orientiert), ich bin 176 cm groß, liege damit genau an der Grenze von 2 Größen, ich hätte besser die längere genommen, denn meine Oberkörperlänge, die Stelle der Brustabnäher, die Höhe der Taille und meine Ärmellänge passen nicht und die Schnittteile hätten jeweils ca. 3 cm länger sein können (das ändere ich beim nächsten Mal, wie ich das oberhalb der Brust in dem Musterverlauf mache, weiß ich noch nicht, es wird aber irgendwie gehen). Die Größe 48, die ein Mischmasch aus meinen Brust-, Taillen- und Hüftwerten ist, funktioniert hingegen erstaunlich gut. Vermutlich weil es an der Taille reichlich (10 cm) positive ease gibt und der Schnitt für Stretch ausgelegt ist. Bei Webware hätte ich mit der Größe Schwierigkeiten, mir scheint auch der Brustabnäher nicht nur für mich falsch positioniert sondern recht groß.

Das Zuschneiden der Wollmélange war etwas mühselig, weil sie sich am Rand einrollte, aber irgendwann war ich fertig. Die beiden Farben unterscheiden sich im Gewicht unmerklich, die rote ist etwas schwerer und damit stabiler. Ergänzend habe ich sicherheitshalber die Ärmel und Schultern mit aufbügelbarem Vlieselineband verstärkt, damit sie nicht ausleiern. Innen ist das nicht so schön. Bei Sweat wird das nicht nötig sein.

Genäht habe ich dann Schritt für Schritt mit dem Elastikstich, empfohlen wird eine Overlock, die besitze ich nicht. Das ist vielleicht die einzige Kritik an der Anleitung, dass automatisch davon ausgegangen wird, dass man alles mit der Overlock näht. Ich finde, die normale Nähmaschine reicht völlig aus, natürlich wirkt es innen weniger professionell.

Ein wenig Bedenken hatte ich hinsichtlich des exakten Ansetzens der farbigen Stücke, das ist mir auch an  2 Stellen nicht so gut gelungen: einmal dort wo der Reißverschluss sitzt, den Bruch sieht man nur, wenn der Reißverschluss geschlossen ist. Mglw. liegt das auch daran, dass hier im Schnittmuster kein Versatz für das Einklappen mit Reißverschluss vorgesehen ist. Da ich vorher schon 10 cm des sehr engen und schlecht sichtbaren Elastikstiches aufgetrennt habe (sehr riskant, denn schnell ist Wolle und Nähgarn verwechselt), habe ich von weiteren Auftrennarbeiten abgesehen. Bei genauerer Überlegung hätte es vermutlich nichts geändert. Man schneidet ja in den Musterverlauf, der an dieser Stelle ungerade ist, hinein und klappt dann ein Stück nach innen. Damit ist aus meiner Sicht ein Musterbruch vorprogrammiert.

Die andere Stelle ist beim Übergang Vorderteil-Rock, angezogen fällt es nicht so auf, weil die Stelle ein wenig seitlich ist. Ich habe es erst nach dem Versäubern gemerkt. Und aufgrund der Gefahr, beim Auftrennen (hier hätte ich wieder mindestens 10 cm auftrennen müssen) Löcher zu fabrizieren, habe ich es gelassen. Auf dem Foto noch ungebügelt.


Was mich am meisten stört ist der etwas zu kurze Ärmel, denn wenn ich meinen Daumen durch das vorgesehene Loch stecke, spannt der ganze Ärmel ein wenig, da fehlt nicht viel, vielleicht 2 cm,  ich habe es auch schon vor dem Säumen gemerkt, aber ich habe keine Möglichkeit mehr zur Korrektur gesehen. Es ist sowieso die Frage, wie oft man den Ärmel so trägt, praktisch ist es für irgendwelche Schreib-, Computer-, Haushaltstätigkeiten sowieso nicht.




Diese Aufnahme ist bei etwas anderem, körnigerem Licht entstanden, die Farben passen aber tatsächlich eher zum Original. Ich habe das Kleid bisher nur zum Fotografieren angezogen, aber wenn das Wetter so bleibt, passt es gut zur Jahreszeit. Im Winter kommt natürlich eine Strumphose und Schuhe/Stiefel dazu.



Schwierigkeitsgrad: extrem gute Anleitung, dadurch sehr gut machbar, auch die etwas schwierige Stelle mit dem Einsetzen des Reißverschlusses in den Rollkragen (ah, da fällt mir ein, der Rollkragen könnte für mich auch etwas höher ausfallen)

Kosten: Stoff für insgesamt 4 - 5 Euro, Insolvenzverkauft im Karstadt, Garn vorhanden und Reißverschluss aus irgendetwas herausgetrennt, die Länge war auch nicht perfekt, aber es geht. Schnttmuster und Plotter ca. 18 Euro

Zeitaufwand: entspanntes abendliches Nähen über eine Woche, kleinschrittig und ohne großes Nachdenken

Zum Aufhübschen habe ich noch altes Webband gefunden: Babuschkas, die passen zu einem russischen Schnittmuster.


Ich bin nun zwei Mal beim Me made Mittwoch vertreten, der Rock vom ersten Post wurde letztes Wochenende schon fertig und ich habe mit dem Verbloggen gewartet, das Kleid ist frisch (aber nicht schnell) von der Nähmaschine gehüpft, wie man manchmal so sagt, viele Grüße, Anja


Me Made Mittwoch - Rock aus Stoff von der anNÄHerung Süd 2022

Bei Nähtreffen gibt es oft einen Stofftauschtisch, im November habe ich ein recht großes Stück Baumwolle-Elasthan-Mischung in schönem Weinrot mit großen aufgedruckten Blumen mitgenommen. Groß genug für einen Rock oder ein Oberteil mit kurzen Ärmeln. Die Stoffhaptik schien mir jedoch eher für einen Rock geeignet. Da ich im Moment (wieder) gerne selbst konstruiere und ich den Stoff maximal verwerten wollte, bot sich ein schmal geschnittener, fast midilanger Rock mit einem hohen Bund an (das Stoffstück hatte angeschnittene Teile, die sich nicht mehr in die Rocklänge integrieren ließen). Danke hier an die unbekannte Spenderin, falls sie das liest, ich bin sehr zufrieden mit dem fertigen Rock. Recherchen im Internet führten mich u.a. zu Dolce&Gabbana.


Bevor ich mich final für einen Schnitt entschieden habe, habe ich aber noch ein wenig mit meinen Kurzwaren experimentiert: die Ideen reichten von Reißverschluss hinten und vorne (jeweils seitenverkehrt, einer als Schlitz, der andere zum Einstieg), komplette Knopfleiste und das Basismodell wie oben. Aufgrund des gemusterten Stoffes, der durch die Reißverschlüsse ungünstig zerschnitten worden wäre und in dem eine Knopfleiste "untergeht", habe ich mich für die ganz schlichte Lösung entschieden. Seitennahttasche (aus anderem Stoff), seitlicher Reißverschluss und Knöpfe am hohen Bund, die Farbauswahl dafür habe ich erstmal vertagt. Überhaupt habe ich mich dem fertigen Rock in kleinen Schritten angenähert, was zu einem viel ordentlicheren Nähergebnis führte als üblicherweise.

Als der nach dem Grundschnitt konstruierte untere Rockteil, also Bleistift, aber ganz leicht ausgestellt, damit ich damit noch einigermaßen gut gehen kann (Fahrradfahren geht dank Elasthan mit hochgeschopptem Rock), fertig genäht war, merkte ich, dass in der Taille noch Platz war und aufgrund meines Hohlkreuzes ein dritter Abnäher hinten in der Mitte Sinn ergibt. Erst danach habe ich einen geraden hohen Bund zugeschnitten (und in eine Hälfte Einlage gebügelt). Dabei habe ich die Lage des Knopfes über dem Reißverschluss nicht ganz richtig geplant, weil ich dachte, der Stoff reicht nicht aus, um an beiden Seiten einen Überstand zu haben, aber das ist nicht weiter schlimm. Immerhin habe ich an Aufhänger für den Kleiderbügel gedacht. Apropos: der hier sichtbare Bügelbrettbezugstoff ist auch von einem Nähtreffen.

Entschieden habe ich mich letztendlich für zwei kleinere graue Knöpfe. Den Saum habe ich mit der Nähmaschine umgenäht, das sah schrecklich aus, weil der Stoff beulte, also alles wieder aufgetrennt und neu umgeklappt und Blindstich eingestellt. Warum ich das nicht gleich gemacht habe, beeilen ist nie die beste Lösung. Am Ende hat es viel länger gedauert, aber das Ergebnis sieht wirklich besser aus.




Hier seht ihr die Knöpfe und ich habe das vorletzte meiner Etiketten von Constanze eingenäht. So ein Etikett macht aus einem Kleidungsstück doch etwas Besonderes. Weiter unten eine Aufnahme des ganzen Rockes mit dem ungeschickten Knopflochüberstand.


Ich habe in meinem Kleiderschrank mehrere potentielle Oberteile, alle aus Stoffresten und alle selbstkonstruiert. Einfache Tops, allerdings teils aus speziellem Material. Das mit den Fransen könnte ich für diesen Rock für die optimale Silhouette noch ein wenig kürzen. Das schwarze ärmellose Top oben habe ich mittlerweile etwas enger gemacht.



Schwierigkeit: sehr einfach

Kosten: keine, alles aus Resten bzw. geschenktem Stoff, ebenso rausgetrennte Reißverschlüsse und Knöpfe

Zeitaufwand: mit Konstruktion fast ein ganzer Sonntag (aber mit mehreren unterschiedlich langen Pausen)

Theoretisch lässt sich der Rock auch in der Übergangszeit (oder wie diese Woche, erstes Foto oben) mit langärmligen Sachen tragen, das Gewebe ich nicht flatterdünn. Verbloggt in der Augustsammlung des Me Made Mittwochs

Viele Grüße, Anja