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Dienstag, 30. Juni 2026

TIM Augsburg - Talbot & Runhof

In sehr netter Begleitung von Gabi-Langer Faden sowie 2 Nähfreundinnen ohne Blog oder Instagram, war ich vor fast 2 1/2 Wochen im TIM in Augsburg - ein wunderbares Museum, ganz in der Nähe meiner einen Freundin, insofern immer eine schöne Gelegenheit für ein Treffen. Außerdem bietet das Museum ein tolles Beiprogramm zur Sonderausstellung Celebrating Fashion an. Leider vorwiegend während der Woche, daher konnte ich an keiner der Veranstaltungen teilnehmen. 

Aber die Talbot & Runhof Ausstellung hat sich gelohnt. Von dem Designerduo aus München (bzw. USA und Wiesbaden) hatte ich vorher am Rande gehört. Keiner von ihnen hat eine klassische Schneider- bzw. Modedesignausbildung. 

Gezeigt werden in Augsburg Modelle, die dem Museum als Dauerleihgabe überlassen wurden und die auf diversen Fashion Weeks in Paris gezeigt wurden. Es gibt auch Videos dieser Shows zu sehen. Dort ist dann ersichtlich, wie die gezeigten Stücke am Körper, in Bewegung aussehen. Die Beleuchtung in der Ausstellung war super, man konnte auch ganz nah an die Kleidung heran gehen und sich so Details wie Nähte, Säume, Stickereien usw. anschauen. In einem nachgebauten Atelier gab es die Möglichkeit, Stoffe zu befühlen, die für die Modelle verwendet wurden. Auch die Hersteller waren benannt, im wesentlichen weniger als eine Handvoll, die langjährig für Talbot&Runhof arbeiten, aus der Schweiz und Norditalien (u.a. Clerici mit dem Laden New Tess in Mailand, der auch für Endkunden geöffnet ist, dieses Kleid, diese Hose, diesen Soprabito habe ich aus Stoffen von dort genäht).

Die Kollektionen sind oft politisch. Die beiden Modelle unten sind aus Cord (Schwulenbewegung), weiter unten sind die Kollektionen mit dem Konterfei von Putin sowie ganz unten T.-Shirts mit Fake Aufschriften nach der ersten Wahl von Trump. Einen Bericht/Erläuterungen dazu gibt es hier.


Die Rückseite dieser Badeanzüge fand ich sehr spannend:


Ganz ganz viel wurde drapiert. Die Ergebnisse wie die oben gezeigte Verzierung zeigen die architektonischen Einflüsse der Designer.

Sehr witzig unten das "Schwarzwaldmädel", tolle Knopfleiste und gut mit Resten nachzubauen.



Black and White sehr plastisch:


Das Material des Mantels unten war irgendwie plastikartik, aber natürlich kein Plastik, eine Firma in der Schweiz fertigt diese besonderen Materialien, die dann verwendet werden.




Oben Hippie/Back to the Sixties and Seventies und unten ein Modell mit unfassbarer Stickerei, wir standen lange davor, um uns die Details anzuschauen....soviele verschiedene Perlen, Elemente, Kreuze, Federn, Bänder usw.


mm

Und zum Schluss möchte ich euch diesen Saum nicht vorenthalten, das können wir besser. An anderer Stelle gab es allerdings Säume, wo überhaupt nicht erkennbar war, wie die befestigt waren, komplett unsichtbar, keine Einstichstellen, nichts, vielleicht mit einer Lupe eine kleine Erhebung zu erkennen. Wahnsinn.

Damit hoffe ich, Geschmack auf die Ausstellung gemacht zu haben. später daheim ist mir auch eingefallen, dass ich schon einmal einen Rock nachgenäht habe, Mema hatte ihn und ich habe ihn kopiert. Einfach und wirkungsvoll.

Herzlichen Gruß

Anja

Dienstag, 19. Mai 2026

Many shades of Grès


Sehr sehr sehr spontan habe ich letzten Freitag einen Schlenker gemacht. Eigentlich war ein Wanderwochenende in meiner alten Heimat angesetzt, aber die Wetterprognose war dürftig. Ich habe also im Web gesucht, wie ich den Aufenthalt abrunden kann und neben den Verabredungen und notwendigen Erledigungen die Zeit füllen kann. Donnerstag poppte mir auf Instagram eine Ausstellungseröffnung entgegen. Oft nervt Instagram, aber von dieser Ausstellung hätte ich ohne den Algorhythmus nicht erfahren. Donnerstag Abend im Kunstgewerbemuseum in Berlin. Hmm, das bedeutet eigentlich nur ein Umweg von ca. 2 Stunden, natürlich absurd viele Kilometer, aber auf manchen Teilabschnitten sind die ICE sehr schnell und für die Hinfahrt habe ich den Sprinter gewählt, der von Frankfurt bis Berlin durchfährt. Ich habe noch überlegt, ob ich irgendwen meiner Nähbekannten in Berlin informiere, aber ich wollte auch maximal flexibel bleiben, da ich Freitag Abend in Lippe erwartet wurde. Sorry an eine liebe Leserin, die die Ausstellung sicher auch besuchen und vielleicht beschreiben wird, sie wird sich hiermit angesprochen fühlen.

Ich habe mich im Zug über die Exponate und den Hintergrund ein wenig informiert. Den Namen Madame Grès kennen wir vermutlich alle, verbinden ihn mit Paris, mit Haute Couture, mit vergangenen Zeiten. Bewusst im Original habe ich noch keine Modelle von ihr gesehen und mich auch nicht mit dem Leben von Emilie Krebs, Mademoiselle Alix, Alix Barton, Alix Grès, Madame Grès - soviele verschiedene Namen und Marken - beschäftigt.

Madame Grès - als die sie am Ende in die Modegeschichte einging - wollte eigentlich Bildhauerin werden und das wird in ihren Modellen sehr deutlich. In der Ausstellung werden einige von ihnen Skulpturen gegenüber gestellt. Die Ähnlichkeit ist frappierend.

Spannender fand ich an der Ausstellung jedoch die Gegenüberstellung mit modernen Entwürfen von Modestudenten. Deren Ideen überzeugten mich sehr und daher habe ich ihnen auch mehr Aufnahmen gewidmet.

Dekonstruierte Hemden, Kleider, Faltenwürfe, Plissee, Stick, Blechornamente. Erläutert wurde jeweils der Bezug zu Madame Grès, die Ähnlichkeit oder der Kontrast, das Material oder das genaue Gegenteil davon. So kann man natürlich eigentlich immer eine Verbindung herstellen. Überrascht hat mich im Übrigen, dass Grès mit Jersey gearbeitet hat. Bei Plissee hätte ich das nicht erwartet. Aber die Falten sind nicht eingebrannt, sondern eingenäht.


Unten ein Zweiteiler mit Maske, ein moderner Kontrast zu den weichen fließenden Gewändern von Madama Grès. Harte Kanten, architektonische Strenge, brutalistisch aufgebrochene Züge als Gegenteil von dem, was in den Modellen der Grès zu finden ist.



Im modernen (oben) und originalen (unten) Ensemble ist klar, wie der Bezug zwischen dem studentischen Entwurf und dem Original gedacht ist. Skizzen, Fotos usw. begleiteten die Modelle. Leider war der Raum sehr dunkel gehalten. Mich nervt immer, wenn es dunkel ist und man sich tief bücken muss, um Texte zu lesen. Aber so ist es leider ganz oft, wenn Kleider auf Figurinen ausgestellt sind.


Die Falten werden alle mit der Hand gelegt und fixiert, um zu halten, was für eine Arbeit. In den fließenden plissierten Kleidern steckt unfassbar viel Stoff. Im Rock oben über 8 m, im Oberteil fast 3 m. Verwendet wurde Jerseyseide, ein Material, das mir im Stoffladen noch nicht begegnet ist.




Oben 3 moderne, unten originale Kleider. Das Oberteil werde ich mir eventuell versuchen nachzuarbeiten, der Faltenwurf ist wirklich toll. Ich wollte mich sowieso einmal mit Drapieren beschäftigen.


Das weiße Modell unten ist eigentlich superschlicht, einfache Bahnen, die in der Taille hochgeschoppt werden. Bei diesen Modellen wurden transparente Stoffe als Overlay verwendet, mag ich sehr.



Eine tolle Rückenansicht einer studentischen Arbeit, leider konnte man in der Ecke die Vorderansicht gar nicht anschauen, Spiegel wären hilfreich gewesen. 



Zuletzt das Berlin Späti Modell mit Brustpanzer und - als spezielles Merkmal von Berlin - angeranztem und zerrissenen Stoff. Abendgarderobe der etwas anderen Art. Madame Grès hat in dieser Abteilung Modelle mit Pailletten, Steinen und aufwändigem Stick gezeigt.

Eine kleine feine Ausstellung, die noch bis Oktober andauert. Sehr genossen habe ich die Leere in den Räumen, die Lage am Tiergarten, durch den ich noch bis zur Weiterfahrt spaziert bin.

Auf bald, lieben Gruß, Anja

Donnerstag, 26. März 2026

SCART - die schöne und nützliche Seite von Müll

Ich habe einige Tage in Triest verbracht und bin gleich am Anfang auf dem Weg vom Bahnhof zu meinem Zimmer an der alten Pescheria vorbeigekommen. Durch die großen Fenster konnte ich sehen, dass drinnen Kleider hingen. Nicht nur Kleider, sondern auch riesige Roboter, die interessierten mich aber weniger. Von dem Projekt SCART, das es schon seit über 20 Jahren gibt, hatte ich noch nie gehört. Wenn ihr in der Verlinkung nach ganz unten geht, gibt es den Bereich Fashion, wo noch mehr dazu steht. Irgendwie kann man es auch ins Englische umstellen. Im wesentlichen geht es darum, Müll sinnvoll weiterzuverwenden - ihn zu Kunst zu verarbeiten. In einem Video wurden auch junge Menschen gezeigt, die auf dem Recyclinghof mit Plastikhandschuhen den Müll, der gerade abgeladen wird, durchwühlen, um Dinge zu finden, die sie verwenden können. Und man kann viel verwenden, sehr viel. Mich würde interessieren, ob es so etwas auch in Deutschland gibt. Es wäre richtig cool, wenn die verschiedenen Ausstellungen, die offensichtlich bereits seit Jahren durch Italien touren, bekannter würden.

Wenn man in die Halle hineintritt, sieht es erstmal so aus, es sind gar nicht viele Kleider, aber jedes Einzelne ist ein Unikat. Deswegen habe ich diesem Post auch ziemlich viele Fotos beigefügt. 


Der Rock unten aus zerquetschten blauen Plastikflaschen:


Gefärbte gefundene Federn, an das Material des linken Kleides erinnere ich mich nicht mehr:


Lauter gefaltete Kassenzettel:


Die Rückansichten der meisten Kleider waren auch sehenswert, hier ein Beispiel, links das Kapselkleid, in der Mitte das Legokleid, rechts das Dosendeckelkleid.


Oben wurden Fischernetze, Korkreste und anderer Krimskrams verarbeitet, unten genauso, wenn man auf dem Kleid unten genau schaute, entdeckte man auch Tasten von Computern, Metallzeug, alte Knöpfe, Fransen, Ringe, alles mögliche. Der Rock ist aus Textilresten gearbeitet.
Mein Favorit unten rechts: das Crodinokleid, aus lauter Deckeln von kleinen Crodinofläschchen, ich mag den alkoholfreien Aperitiv sehr gerne. Das Kleid links besteht aus ineinandergefügten Abreißdingern von Dosengetränken. Viel Arbeit steckt in dem Verbinden der Elemente durch kleine Ringe.

Unten nochmal das Kassenzettelkleid sowie ein Kleid, das aus puscheligen rot eingefärbten Schmusetieren zusammengesetzt ist, vermutlich Produktionsüberhang.



Im Kleid oben wurden lauter Muster einer Textilkollektion miteinander verarbeitet, unten Schläuche, für einen Fahrradschlauch etwas zu breit an einigen Stellen, vermutlich ein Mischmasch von alten Schläuchen unterschiedlicher Fahrzeuge.


Ganz in Rot: unterschiedlichstes Zeug zu einem Kleid verbunden und dekoriert:



Das Kaffeekapselkleid hat mich auch sehr beeindruckt. Ich erinnere mich, dass meine Tochter bereits im Hort mit alten Kapseln gebastelt hat, wenn man sich überlegt, wieviele Kaffeekapseln jeden Tag verbraucht werden und im Müll landen, Horror!

Oben zwei kostümartige Kleider aus unterschiedlichem Zeug in einheitlicher Farbe, unten wurden alte Plastikhandschuhe gefärbt, aufgerauht, irgendwie verwandelt und miteinander verbunden, sehr cool:



Und zu guter Letzt ein Kleid aus übrig gebliebener oder abgehängtem Absperrband. Sind diese Ideen nicht allesamt der Hammer? Bei manch einem dieser Kleider habe ich gedacht, wow, absolut tragbar für eine Party. In Gedanken war ich noch ein bisschen bei Munichfrocktails, dort hätte man so etwas wirklich anziehen können. Einen Extrabericht zu den Frocktails werde ich allerdings nicht machen, ich habe einfach nur den Abend genossen, getanzt, getrunken, geredet und kein einziges Foto gemacht.

(Ergänzung vom 2.5.2026):

Zufällig bin ich einen Monat später in eine ähnliche Ausstellung "gestoplpert", sie sollte an sich Mitte April enden, aber dann konnte man die Bilder aus Müll doch noch Ende April im Teatro Margherita anschauen. Blicke auf das Kino, lauter Ikonen des italienischen und ein bisschen des internationalen Films: 





Hat mir fast noch besser gefallen als die Kleider, weil man diese Bilder wirklich gerne haben möchte.

Herzlichen Gruß, Anja


Montag, 26. Januar 2026

Ursula Niehaus - der Stoff, aus dem die Bilder sind

Über einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bin ich auf diese Ausstellung aufmerksam geworden. Gestern bin ich ins 30 Minuten entfernte Bad Soden gefahren - und war ein bisschen überwältigt. Deshalb hier eine Bilderflut, ich konnte mich nicht entscheiden, was ich poste, deswegen ist es viel geworden. Keine große Künstlerin, nicht bekannt, sie schreibt auch Bücher über textile Materialien, historische Romane, ihr könnt sie googeln bei Interesse.

Die Motive sind fast alltäglich - und doch ein bisschen besonders. Momentaufnahmen. Es werden keine Farben verwendet, es handelt sich ausschließlich um Collagen aus Stoff, das Mädchen im Bild unten trägt z.B. eine Jeansshorts aus Jeansstoff. Die gesamte Leinwand ist mit Stoff bezogen, darauf weitere Stoffschichten in verschiedenen Farben. Die Schatten jeweils dunkler. Das Bild ist in echt ziemlich groß, vielleicht 120 x 70. Im Prinzip sind alle Bilder, auf denen mehrere Personen sind größer. Die Bilder, auf denen nur Gesichter sind, haben etwa eine Größe von 70x70.


Viele Frauenmotive, oft Frauen, die gestylt wirken, fast wie Models aus einem Modeheft. Viel Rot, Rosa, Grau, aber vereinzelt auch andere Farben. Viel Baumwolle, Uni, manchmal gemusterte Stoffe, wo das Muster in das Motiv integriert wurde. Ab und zu Stoffe mit anderer Haptik, Fell, Leder, Jeans.



Es gab auch sehr viele Bilder von Stewardessen, ob die Künstlerin einen Bezug zur Luftfahrt hat, weiß ich nicht, der Gedanke kam mir allerdings.




Im Bild unten ist der Mantel aus Fell. Auf den Fotos sind die Strukturen leider nicht erkennbar. Die Großaufnahme darunter verdeutlicht nochmal, wie der Stoff geklebt ist. 



Gut gefiel mir, dass es ein halbfertiges Bild in der Ausstellung gab, der Prozess erinnert mich an Malen nach Zahlen. Stoff aufkleben, vorgezeichnete Felder. 

In der Ausstellung war ein Eimer, jeder war aufgefordert, Stoffreste oder Altkleider mitzubringen, insbesondere in der Farbe Rosa, die zur Neige geht. Leider wusste ich das nicht, sonst hätte ich gerne irgendwas abgegeben.


Ein Bild mit Frauen an Nähmaschinen.



Auch hier oben, das Orange ist richtig dickes Kunstfell. Ich bin richtig motiviert, sowas auch mal auszuprobieren. Eine tolle Art der Stoffresteverwertung. 

Ich merke, dass ich fast nur die Frauenbilder fotografiert habe. Es gab auch eine Serie mit Villen, die an Kalifornien erinnerten. Irgendwie fand ich die nicht so gelungen. Sie wirkten weniger echt. Ein bisschen erinnert der Stil auch an Pop-Art, denke ich gerade.

Viel Spaß beim Schauen und ich denke, dass ich das auch mal auprobieren werde.

Lieben Gruß, Anja