Mittwoch, 17. Januar 2024

Lang gehegte (Chanel-) Hosenpläne

Vor ca. 2 Jahren habe ich auf der Gassirunde am seitlichen Schaufenster von Chanel in der Goethestraße angehalten, ich glaube, dass ich sogar die Straßenseite dafür gewechselt habe. Eigentlich sind die Sachen bei Chanel nicht meins, immer wieder die immer gleich erscheinenden Jacken, Röcke, im letzten Jahr Shorts. Damals hingen dort lange weite Marlenehosen und lange Flared Hosen in unterschiedlichen Farbgebungen (oben vermutlich mit den üblichen Jacken, ich erinnere mich nicht mehr genau). Auf jeden Fall sind mir diese "bunten" Winterhosen nicht aus dem Kopf gegangen. Aber bis dato habe ich noch nie Chanel Boucle (wie er sich nennt, auch wenn er nicht von Chanel ist) im Stoffladen entdeckt. Vielleicht habe ich auch nicht gezielt danach geschaut oder der Preis war mir zu hoch. 

Das änderte sich letzten Herbst. Bereits im September plante ich, eine Hose aus mitgebrachtem Stoff aus Paris zu nähen, der Stoff reichte nicht, es wurde dann dieses Kleid. Im November war ich in Italien und ich wusste - es gibt diese Läden, in denen es diese Stoffe gibt. Es gab dann auch viele Stoffe, nicht unbedingt günstig, aber sehr viel Auswahl. Ich habe mich dann bei den Sorelle Scarlini (tolle Beratung, nettes Geschäft) für diesen Rest (ca. 1,65 m) entschieden, der für eine Hose reichen sollte. Da ich die Rolle leer gekauft habe, gab es auch noch einen Rabatt. Es handelt sich nicht um Deadstock Fabric, aber es war der schönste Boucle/Tweed, den ich gesehen habe. Er fühlt sich super an und kann quer zum Fadenlauf verarbeitet werden (sonst hätte der Rest der Rolle nicht gereicht). 


Hier eine Idee zu den Hosen, die ich damals im Schaufenster gesehen habe. Sie sind aus der Metiers d'Art Kollektion 22/23, die in Dakar gezeigt wurde. Irgendwo bei Arte gab es auch mal eine Dokumentation zu der Geschichte dieser Kollektion und dem Hintergrund der Ortswahl. Französische Kolonialgeschichte....

Da ich die Hose füttern möchte, damit sie wirklich den "echten" Hosen ähnelt habe ich mir neben einem überarbeiteten Hosengrundschnitt einen Makerist Kurs mit Inge Soltyszik-Sparrer geholt. Das Video ist toll, alles wird Schritt für Schritt sehr detailliert zum Mitmachen erklärt. Den Hosenschnitt zu dem Video werde ich anhand des Grundschnittes bzw. einer weiten Hose, die mir prima passt, anpassen. Ohne Bügelfalte selbstverständlich, ebenso ohne Bundfalten.

Zwischenstand Nummer 1:

Kurzzeitig habe ich überlegt, eine Probehose aus altem Bettlaken zu fertigen, aber dafür bin ich einfach zu faul. Die Nahtzugabe an den Seiten und hinten und die Fertigung mit erst hinterher angenähtem und angepasstem Bund lässt m.E. einen sofortigen Zuschnitt zu. Natürlich habe ich die Schnittmaße mit meinen Maßen abgeglichen. Der Zuschnitt von Hose und Futter geht ratzfatz. Aus den Resten mache ich noch kleine quadratische aufgesetzte Taschen mit Fransenrand (Webkante) hinten und ein noch kleineres Münztäschchen vorne. Damit habe ich wieder fast zero waste produziert. Zum ersten Mal arbeite ich mit Bundfix, außerdem bebügelte ich die Taschenkanten und die Reißverschlussunterseite. Das habe ich bisher nie gemacht. Sämtliche Schnittteile werden mit Zickzack versäubert (ich habe keine Overlock), das Futter für die Vorderhose dabei direkt mit auf der Vorderhose versäubert. Auf die ganzen Reihnähte aus Inges Videokurs verzichte ich, so genau arbeite ich nicht. Nur in der vorderen Mitte markiere ich etwas genauer (aber auch dafür reichen mir die Nadeln). 

Hier einige zugeschnittene und versäuberte Teile, bereits mit den Abnähern hinten versehen. Auch da bin ich mit meiner Pi x Daumen Methode, Stecken entsprechend der Markierung mit Stecknadeln ohne exaktes Durchkopieren, bisher zufrieden gewesen. Die äußeren Seitennähte sind auch schon geschlossen, das lässt eine grobe Anprobe zu, scheint zumindest nicht zu eng zu werden. 


Zwischenstand Nummer 2:

Das Münztäschchen hätte ich besser vor dem Futter ansetzen aufgenäht, jetzt wäre die Naht auf der Innenseite sichtbar, ich verzichte dann darauf. Die hinteren Taschen positioniere ich, bevor ich mich wieder nach Inges Anleitung mit den Seitennahttaschen beschäftige. Die werden anders eingenäht als ich es bisher immer gemacht habe. Das dauert auch deutlich länger, aber das Ergebnis ist wirklich sehr viel ordentlicher. Auf die kleine Handnähnaht verzichte ich. Nach den Seitennahttaschen erhole ich mich erst mal mit dem Zusammensetzen der inneren Beine und der Schrittnaht bevor es an den Reißverschluss geht.


Zwischenstand Nummer 3:

Der Reißverschluss wird wieder anders eingenäht als ich es kenne, Inge verwendet nicht einmal ein Reißverschlussfüßchen, funktioniert prima. Beim nächsten Mal würde ich die Maße genauer beachten, mein Untertritt ist etwas zu groß und der nachträglich angenähte Untertritt hätte vorher besser links auf links gelegt werden sollen (ist mir irgendwie mit den vielen Videos untergegangen, hätte ich aber auch wissen können). Das Ergebnis ist von außen jedenfalls einwandfrei, vielleicht sogar der beste Hosenreißverschluss, den ich je eingenäht habe.

Vorne ergänze ich jetzt noch je Seite 1 Abnäher, denn ich habe das Gefühl, das verbessert die Passform oberhalb des Bauchs. Hinten habe ich mehr als genug Nahtzugabe, um die Hose an meinem Hohlkreuz in Form zu bringen.

Der Bund, kein Formbund, sondern ein gerader Bund, der rund in Form gebügelt wird, was bei meiner Wolle gut funktioniert, wird mit einem schmalen Paspel versäubert. Sehr schön und endlich sehe ich einmal, wie das funktioniert, bisher habe ich die Reihenfolge vertauscht. Durch das Bundfix, meins ist extra verstärkt, anderes hatte mein Laden nicht, ist der Bund allerdings sehr fest, fast schon sperrig. Ich denke, Vlieseline reicht mir für das nächste Mal. Mir gefällt, dass die Hose über die hintere Mitte ganz zum Schluss gut angepasst werden kann. Beim Knopf und dem handgenähten Knopfloch lerne ich durch den Kurs auch noch etwas, bisher habe ich den Knopf immer in die Mitte des Knopflochs genäht. Das soll nicht so sein. Hier der Saum und der Bund, bin sehr zufrieden damit.
Ich habe die Länge etwas zu kurz eingeschätzt, deswegen habe ich den Saum ebenfalls mit Schrägband versäubert, es blieben nur etwa 1,2 cm, um ihn umzuklappen. Die seitlichen Eingriffstaschen sind für meine Hände viel zu klein, wahrscheinlich soll man nur einen Schlüssel oder ein Taschentuch reintun, das geht, aber Hand oder Mobiltelefon Fehlanzeige.

Nun aber zu den Fotos der fertigen Hose, leider mit vorgestern frisch operiertem Ellenbogen (links, Selfie), Hundeunfall. Die Hose war zum Glück 1 Stunde vor der Gassirunde fertig geworden:



Zusammenfassung: 

Kosten: Stoff ca. 60 Euro, Bundfix 1,80 Euro, Garn, Knopf, Vlieseline aus dem Bestand, gutes Venezia Futter 1 Euro aus der Karstadt Auflösung

Schwierigkeitsgrad: Schnittmuster passt, Videoanleitung top, eigene Abwandlungen auch o.k.

Zeitaufwand: Slow Sewing, ich habe mir wirklich Zeit gelassen (ca. 10 Tage, an jedem Tag gut 1 - 3 Stunden mit Pausen), daher kann ich nicht sagen, wieviele Stunden ich an der Hose gearbeitet habe. Alleine das Schauen der Makerist Videos und das nochmalige Suchen von relevanten Stellen hat viel Zeit beansprucht, aber auch Spaß gemacht.

Bis dahin, Anja


Mittwoch, 3. Januar 2024

Mein Nähjahr 2023 - Rückblick mit Lieblingsstück

2023 habe ich viele Stoffe gekauft, viel genäht und alles verbloggt, insgesamt - wenn ich es korrekt überschlage - 22 Kleidungsstücke. Das ist fast doppelt soviel wie in den beiden Vorjahren. Es hat sich aber auch ein bisschen was hinsichtlich Nähen, Stoffkauf und Bloggen geändert. 

Bei den Stoffen achte ich zunehmend auf Qualität, ich habe 2 x bei The Fabric Sales bestellt, war im Annette Görtz Outlet, bei Malhia Kent in Paris und im November habe ich etliche Stoffe bei Max Mara in Sesto Fiorentino gekauft. Manchmal gehe ich spontan in den Laden um die Ecke (JP Stoffe), Karstadt hat im Sommer geschlossen (ich habe zum Schluss reichlich Kurzwaren und Venezia Futter auf Vorrat gekauft), aber Stoffmarkt Holland Ware möchte ich nicht mehr haben. Außerdem habe ich bei fast allen Stoffen ein Projekt im Kopf. Manche der dieses Jahr gekauften Stoffe wurden schon im Folgemonat vernäht.

Mit einigen Schnittmusterherstellern, die ich neu ausprobiert habe, war ich nicht erfolgreich: Grasser, Named (mein Fail des Jahres), Pauline Alice Pattern - alles sehr anpassungsintensiv. Ich bleibe doch lieber Burda treu  oder - das habe ich nach dem tollen Online Kurs bei Alice&Co. Pattern erinnert - ich konstruiere selbst.

Auf der einen Seite habe ich komplexe Schnittmuster nähen wollen, um etwas zu lernen. Ich hatte mir auch vorgenommen, langsamer und ordentlicher zu arbeiten. Das ist nur teilweise gelungen. Am Ende gefielen mir die fertigen komplizierten Stücke mit besonderen Details selten besser als die einfachen selbst konstruierten Kleidungsstücke. Spaß gemacht hat das Fotografieren mit dem neuen besseren Smartphone im Me Made May und Handmade November. 

Ein echter Fast-Ganzjahresfavorit ist das A-Linien-Kleid aus Steppstoff. Die Taschen habe ich inzwischen etwas verkleinert, so ist die Silhouette stimmiger.

Extrem gerne habe ich auch den einfachen, offenkantig verarbeiteten Double-Face-Mantel mit den großen auffälligen Ösen getragen, im letzten Winter Indoor wie eine Jacke, es wurde ja wenig geheizt, in diesem Herbst Outdoor und zwar tatsächlich von beiden Seiten. Den Bindegürtel habe ich nicht mehr, den brauche ich nicht. An kalten Tagen gefällt mir eine unauffällige Klammer besser.

Das komplizierteste Kleidungsstück des Jahres ist mein Burdamantel gewesen. Ich bin zufrieden damit, trage ihn auch, gleichzeitig ist er mir nicht besonders genug, er könnte auch gekauft sein. Die im Januar gekauften - optisch zu kleinen Knöpfe - habe ich mittlerweile durch größere aus der Karstadt Auflösung ausgetauscht. Dadurch schließt der Mantel besser als letzten Winter (leider auf dem Foto nicht erkennbar).

Als ich meinen Regenparka Anfang des Jahres genäht habe, wusste ich noch nicht so recht, ob er etwas taugt. Aber er ist völlig super an Tagen mit leichtem bis mäßigem Regen, trägt sich angenehm und wärmt ausreichend, auch in der derzeitigen Regenperiode. Bei Starkregen und zum Wandern, also mehrstündigem Aufenthalt im Regen, weicht die Filzkante an und der Trocknungsprozess dauert ewig. Außerdem ist das Material zu sperrig, um es in einer Nicht-Regenperiode im Rucksack zu transportieren. Der Regenparka ist vermutlich das Kleidungsstück, auf das ich am häufigsten angesprochen werde.


Eine exakte Statistik zum Verbrauch meiner Stoffe führe ich nicht. Mein Stofflager ist etwas voller als vor einem Jahr (38 m, davon 8 m Futter, es sind nur 8 m älter als aus 2023, das heißt, ich habe wirklich sehr viel Stoff gekauft, aber bei diversen besonderen Gelegenheiten wollte ich nicht nichts kaufen). Erstmal bin ich gut eingedeckt mit Stoff und Kleidung. 

Highlight des Nähjahres waren das kleine Treffen in Stuttgart, die Online Nähdelsabende jeden Montag, organisiert von Jule Futterstoff, und die Nähreise in die Toskana im November.

2024 bringt bei meinem Mann und auch bei mir beruflich Einiges an Veränderung. Ich hoffe dennoch, weiterhin Zeit zum Nähen zu finden. Danke dem Me Made Mittwoch Team für die Bereitschaft, den ersten Mittwoch im Monat mit der Linkparty zu organisieren.

Herzliche Grüße, Anja