Sonntag, 4. Dezember 2022

Kurztrip nach Antwerpen - Wiedereröffnung des MoMu

Als mein Mann vor mehreren Jahren mehrmals in Belgien war und mich fragte, ob ich mit will, recherchierte ich ein wenig und stellte fest, in Antwerpen gibt es ein ziemlich gutes Modemuseum. Allerdings befand es sich zu dem Zeitpunkt im Umbau und sollte letzten Winter wieder eröffnet werden. Es wurde dann wiedereröffnet und noch einmal für mehrere Monate geschlossen. Diesen Oktober fand dann die hoffentlich endgültige Wiedereröffnung statt.

Das Museum gibt es schon etwa 100 Jahre. An vielen Orten wurden früher Kostüme und Trachten gesammelt. Richtig interessant für "moderne" Mode wurde das Museum aber erst als in den 80er Jahren die Antwerp Six, also 6 junge DesignerInnen (allen bekannt sind sicher Demeulemaster, Bikkembergs, van Noten, Margiela), die an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen Mode studiert hatten, berühmt wurden. Die Sammlung wurde aufgestockt. Nicht nur um Werke der Belgier, auch der 2. und mittlerweile 3. Generation der Antwerpener Modedesigner, sondern auch um Werke der Modehäuser, in denen die Designer gearbeitet haben. Der Modemarkt hat sich für Designer dieser 2. und 3. Generation radikal verändert (Fast Fashion als Stichwort), so dass sie sich oft Arbeitsmöglichkeiten suchen mussten, die nicht mit einem eigenen Label verbunden waren. Gleichzeitig standen die großen Modehäuser durch Nachfolgeprobleme (und einem Wirtschaften, dass die Veränderungen der Welt nicht genug berücksichtigte) vor Krisen, die sie mit neuen jungen Designern lösen wollten (bekannt ist vor allem Raf Simons bei Dior).

Antwerpen ist in Teilen eine prächtige, pompöse Stadt, gleichzeitig aber auch an vielen Ecken verunstaltet. Zu meinem nicht so positiven Eindruck vom Stadtbild hat sicher auch das nasskalte Wetter beigetragen und eine Touristenmasse, die ich so (eine Woche vor Eröffnung eines Weihnachtsmarktes) nicht erwartet hätte. Aber mein Besuch gestern (die Bahnfahrt hat perfekt geklappt, es sind knapp 4 Stunden mit einem Umstieg in Brüssel) diente auch weniger der Stadt als dem Modemuseum und dem Fashion Quartier, in dem sich das Museum befindet. Die meisten Menschen fahren nicht deswegen nach Antwerpen.

Im Fashion Quartier gibt es noch einige zauberhafte Läden von bekannten Designern, alteingesessene Handschuhmacher, coole Vintageläden und wenige lokale Modelabels. Mitten drin ist das MoMu. Es bietet auch Rundgänge zur Historie der Mode in Antwerpen (vor allem der Antwerp Six) an, die sind leider nur auf Holländisch. Im Museum sind aber alle Tafeln auf Holländisch, Französisch und Englisch. Es gibt auch eine kostenlose App zum Herunterladen, ich habe mir Teile davon auf der Rückfahrt angehört, es geht eher um allgemeine Dinge, nicht um die einzelnen wie damals in Bonn.

Ich habe angefangen mit der Dauerausstellung, die mir auch am besten gefiel, sie hätte gerne noch etwas größer sein können. Und die Beleuchtung heller, aber das Problem kennt man ja aus anderen Textilausstellungen. Gewöhnungsbedürftig war die "Beschilderung" der Objekte, die in großen Vitrinen ausgestellt waren. Nicht an der Vitrine, sondern an der Wand im Rücken des Betrachters, standen die Designer und das Jahr der Kollektion. Wirklich sehr besucherunfreundlich, weil man sich ständig umdrehen musste.

Die Dauerausstellung, die wechseln wird, begann mit dem Thema Handwerk. Ich nahm gleich das Modell von Minju Kim Herbst/Winter 20/21wahr. Wo ich doch gerade eine (Weihnachts-) Hose aus Stepper genäht habe. So neu ist die Verwendung von Steppstoff für anderes als Winterjacken doch nicht. Die Antwerp Six haben sich auf hochwertige Verarbeitung und/oder Verwendung von von hochwertigen Materialien fokussiert.


Surrealismus lautete das Oberthema einer weiteren Vitrine: Hier Hüte von Stephen Jones Herbst/Winter 10/11 bzw. 17/18 (ich hoffe, der Toast mit Erdnussbutter ist erkennbar).


Das weiße Herrenhemd in Verfremdung wurde von einigen der eher klassisch orientierten Designer gerne als Grundlage für ihre Kollektion genommen. Es ging nicht um Upcycling, aber theoretisch ist das möglich. Einige Vorschläge sprachen mich sehr an, aber wann soll man das alles anziehen?


Die zweite Ausstellung beschäftigte sich mit dem Thema Von 2D zu 3D und dann auch wie 3D präsentiert wird, an der Puppe ohne Bewegung, am Avatar in Bewegung. Dazu haben Kuratoren und Studenten (auch aus London) 6 "klassische" Kleider von bekannten Designern (Halson, Balenciaga, Vionnet usw.) zerlegt. All diese Stücke eint, dass das beim Zerlegen entstandene Schnittmuster extrem simpel war, aber oft besondere Stoffe (80 m Tüll in einem Fall) oder geschickte Drapierung das Modell auszeichneten. Das Schnittmuster dieses Kleides von Rei Kawakubo ist ein ganz langes Stück Stoff (geht nach rechts noch gut 6 m weiter), durch einige Nähte und Wickeln wird daraus ein Kleid, dass man unterschiedlich tragen kann und in der Bewegung immer wieder anders interessant "fliegt".


Die dritte Ausstellung "Mirror Mirror" handelt vom Selbstbild und Fremdbild desjenigen, der Mode trägt. Erwartet hatte ich irgendwas zu Bodypositivity oder so, auch viel Text, vielleicht neigen aber auch wir in Deutschland dazu, dem Thema viel Text beizumessen. Aber es war ganz anders. Aus meiner Sicht hätte man dahingehend - auch im Kontext der muslimischen, afrikanischen usw. Mode noch mehr aus der Ausstellung heraus holen können. Dennoch fand ich den Blickwinkel interessant. Im ersten Teil wurden Kleidungsstücke gezeigt, die anders waren, als das, was meist auf dem Laufsteg präsentiert wird.


Bei diesen Kleidern geht es darum, dass sich die Trägerin mehr Raum nimmt, ausladende Stoffe, Verarbeitung, Verbreiterung des Mantels unten usw. führen automatisch zu mehr Größe, mehr Sichtbarkeit. 


Die Kollektion von Margiela war in Räumen der Heilsarmee in Paris präsentiert worden. Das Publikum saß zwischen Second Hand Kleidern. Die eng geschnittenen und anliegenden Shirts und Leggings wurden umhüllt von Plastikfolien, die üblicherweise von Reinigungen verwendet werden. Sie dienen der Verfremdung der Kleidung, gleichzeitig geben sie der Trägerin weiteren Raum, sie sollen auch dazu beitragen die Frage zu schmaler Taille und engen Hüften neu zu stellen. 


Rei Kawakubo hat in ihrer Kollektion The Body Meets Dress, Dress Meets Body im Frühling/Sommer 97 den weiblichen Körper durch zusätzliche Polster an ungewöhnlichen Stellen verfremdet und dadurch vom klassischen Körperbild abgelenkt.


Im zweiten Teil der Ausstellung wurde stärker der Blickwinkel, also das Selbstbild einzelner Designer, präsentiert. Ein Highlight für mich die Barbiepuppen, die Margiela im Alter von 13 Jahren heimlich eingekleidet hat. Er hat ihnen auch die Haare (als Sohn eines Friseurs) passend zur Kleidung gefärbt. Das Jacket war von Yves Saint Laurent inspiriert, er war damals bereits der Meinung, dass er sowas auch kann. Weiße Kontrastnähte und übergroße Druckknöpfe erinnern an seine späteren Arbeiten im Maison Martin Magiela.


Diesen pinken Look hat Margielas Großmutter für ihn, inspiriert von Cardin, kreiert. Die passende Haarfarbe hat Margiela ergänzt.


Sehr spannend und sehr umfassend war die Bibliothek im oberen Geschoss des Museums, ihr glaubt nicht, welche Vielfalt an Zeitschriften und Büchern dort verfügbar war. In einem hinteren Raum arbeiteten Studenten an ihren Werken. Diverse Outfits waren verhüllt, wie gerne hätte ich einen Blick unter die Laken geworfen.



Das war ein toller Besuch an einem ansonsten trüben Dezembertag. Schade, dass man oft reisen muss, andererseits ist es auch schön, eine andere Stadt zumindest ein wenig anzuschauen. Als zum Black Friday lauter günstige Flugangebote der BA bei mir aufpoppten war ich versucht, demnächst einen Trip nach London ins V&A zu machen, ich bin nicht in Versuchung geraten.

Viele Grüße
Anja


Sonntag, 27. November 2022

WKSA - Ich habe mich entschieden ... und wieder umentschieden

... und zwar für ein Kleid (zur Umentscheidung weiter unten). Auch wenn ein Rock praktischer gewesen wäre, schneller zu nähen gewesen wäre und ich ihn vermutlich auch häufiger tragen würde. Hintergrund meiner Entscheidung ist der Fund dieses Schnittmusters, das ich beim Sortieren meiner Schnittmusterschublade gefunden habe. Ich habe es bei einem Online-Nähtreffen getauscht. Enthalten sind Größe 12-16, allerdings habe ich beim Auspacken festgestellt, dass Größe 12 bereits ausgeschnitten ist. 

Die Vogueschnitte enthalten eine großzügige Nahtzugabe und ich hätte den Schnitt vermutlich sowieso in Taille und Brust anpassen müssen. Dann passe ich eben ein bisschen mehr an. 

Tatsächlich entscheide ich mich für die Version mit kurzem Ärmel und breitem Ausschnittbund, die ist schon vorgeschnitten. Und ich hoffe, das Kleid als Kleid im Sommer zu tragen. Mit langem Ärmel ist es mir im Winter zu kalt, im Sommer zu warm, eine Übergangszeit gibt es ja praktisch nicht mehr, also kurzer Ärmel und darüber ein flauschiger Wollpullover. Das kommt der Lösung mit der Rock sehr nahe.



Aber es erhöht den Anspruch an den Sew Along. Außerdem spricht für das Kleid, dass ich Stoff in ausreichender Menge habe. Ich nehme ja immer gerne Herausforderungen an. Die Arbeit liegt jetzt vor mir, aber da ich mit den Sachen von der AnNäherung fertig bin und ansonsten nur Kleinkram und Strickzeug hier liegen habe, wird dieses Kleid mein Weihnachtsprojekt.

Diesen Blogpost habe ich am letzten Wochenende geschrieben nachdem ich meine Entscheidung gefällt hatte. Und dann sah ich bei Sabine eine Hose, ich hoffe, dass sie sie noch verbloggt, aber diese Hose brauchte ich unbedingt. Sie ist schön, nützlich, ersetzt eine Hose, die nicht mehr die Funktion gewährleistet, kurz: diese Hose will ich unbedingt haben. Ich habe erstmal gegoogelt, ob man derartige Hosen wirklich trägt und bin auf wenige Bilder gestoßen, Miu Miu im letzten Jahr, diesen Winter bei Woolrich

Dort gibt es auch ein Kleid, auch hübsch, aber weniger funktional, am liebsten hätte ich beides gemacht, aber ich werde wohl erstmal die Hose nähen. Von dem Stoff, bei dem es sich um einen Fibremood Stoff handelt, gab es in dem kleinen Laden/Cafe in Langens Altstadt (vorher wusste ich nicht mal, dass Langen eine Altstadt hat), der auf der Fibremoodseite als Bezugsquelle benannt war, zwei Farben: grün und kupfer/orange. Mir ist immer wichtig, die Stoffe zu sehen und anzufassen.


Ich laufe mit dem Hund regelmäßig in den Streuobstwiesen bei Langen Flugsicherung. Von dort ist es ein Katzensprung nach Langen, bisher hat mich allerdings nichts dorthin gezogen. Das Jenefea Stoffcafe war in einem Fachwerkhaus, sehr dunkel, aber bereitwillig wurden mir die Ballen ans Tageslicht geschleppt. Es gab auch einen Spiegel, etwas klein und auf Bückniveau, aber immerhin konnte ich beide Farben anhalten, beide suboptimal, aber ich wollte so eine Hose, also habe ich mich für grün entschieden. Kupfer/Orange sah ein bisschen Beige aus. Es gab auch noch einen weißen dünnen Steppstoff, der innen Baumwolle hatte, was sicher die Trageeigenschaften verbessert hätte, aber Weiß geht bei mir leider nicht. Meine Farbe sieht wirklich bei jedem Licht anders aus. In der Wohnung erinnerte sie mich nach der Rückkunft bei beginnender Dunkelheit teils an Khaki, was ich völlig gruselig finde. Zugeschnitten wurde übrigens auf 1x1m großen Cafehaustischen.



Die Bilder von der Designerhose oben haben mich wieder etwas friedlicher gestimmt. So in etwa könnte meine Hose werden, allerdings verzichte ich auf den Reißverschluss, arbeite Nahttaschen ein, oben ein breites Gummibündchen, dreiviertellang und damit matschresistent. Da wir Weihnachten selten festlich begehen, sondern mit dem Hund täglich in den Wald gehen, wird die Hose dann sicher getragen werden. Mit der Zuschnitt der Hose starte ich hoffentlich heute, wenn sie fertig ist, fange ich mit dem Kleid an. Soviel zu meinen Plänen.

Verbloggt beim 2. Treffen des WKSA 2022 auf dem Me Made Mittwochsblog.

Grüße, Anja


Dienstag, 22. November 2022

Für die Tochter genäht: Jeansjacke, Cordjeans

Im Oktober habe ich am virtuellen Jeansnähwochenende teilgenommen. Da ich zur Zeit keine neue Jeans brauche, auch keine Latzhose, keinen Blanca Flightsuit (der mich schon interessiert hätte) und überhaupt keine Hose, ich aber sehr gerne an dem Nähwochenende mitmachen wollte, fragte ich die Tochter, ob sie eine Jeans möchte. Stoff hatte ich vom Stoffschrottplatz. Denim mit einem kleinen bisschen Stretch. Ja, eine Jeansjacke, die will sie. Das war nun nicht die Idee vom Jeansnähwochenende, aber ich habe den Jackenwunsch abgespeichert. Ein entsprechendes Schnittmuster hat sie in der La mia Boutique gefunden. Immerhin habe ich die Zeit beim Online Wochenende - nachdem ich mit einer Hose fertig war (dazu weiter unten) - zum Schnitt abpausen und ausschneiden genutzt. Ich hatte große Hochachtung vor den vielen Schnittteilen, aber so schlimm war es am Ende garnicht.



Auch, dass sich das Modell an Expertinnen richtet, flößte mir eine gewisse Scheu ein. Aber da die Anleitungen aus der La mia Boutique ziemlich gut und die Schnittmuster immer aneinander passen, wagte ich es. Und es war wirklich einfacher als gedacht, ich habe nur Schritt für Schritt alles der Reihe nach abgearbeitet. Angefangen habe ich die Jacke bei der AnNäherung, beendet zu Hause, eine Woche später habe ich dann nach passenden Knöpfen Ausschau gehalten. Meine Tochter wollte alles ganz neutral, blaue Steppnähte, blaue Knöpfe, nicht zu auffällig. Wenn ich so eine Jacke nochmal nähe, würde ich die Nähte innen mit schönem Schrägband versäubern, aber das hatte ich leider bei der AnNäherung nicht dabei und die Idee kam mir erst, als ich Ullamara sah, wie sie ihr Sienna Jacket innen versäuberte. Und zwar nicht irgendein gekauftes Schrägband, sondern aus schönem Stoff geschnitten und gebügelt. Für meine Tochter ist die Jacke so wie sie ist, prima, von vorne und von hinten, ob sie passt, werde ich erst Mitte Dezember sehen, wenn wir die Tochter zum Weihnachtsmarkt in Bayreuth besuchen. 



Da ich aber für das Online-Jeansnähwochenende noch eine Hose brauchte, stimmte die Tochter zu, dass ich ihr eine weitere Cordjeans nähe. Cord war auch noch da, zum Glück erklärte sie sich mit der Farbe einverstanden. Ich hatte mich mit der Menge für einen Sesselhusse verschätzt und fast 2 m Rest gehabt. Als Schnitt habe ich ebenfalls eine bereits mehrfach genähte La mia Boutique Jeans genommen, mit weitem Bein. Ohne Münztasche. Die Maße habe ich an einer gut sitzenden Kaufjeans abgenommen. Ich hoffe sehr, dass die Hose passt. Der Knopf ist noch nicht angenäht, da kann man ja noch ein bisschen in der Taille justieren. Auf den Taschen hinten sind ihre Initialen freestyle aufgenäht. Kann man blau auf blau nur erahnen, vielleicht auch besser so, wie schon gesagt, die pfiffigen Extras sind in dieser Altersgruppe (nicht mehr und noch nicht wieder) unerwünscht.




O.k. ich hätte die Hose ordentlicher auf den Boden werfen können, aber ihr bekommt einen Eindruck. Da habe ich viel genäht diesen Herbst, fast alles auf Nähwochenenden oder kurz danach. 

Viele Grüße

Anja



Samstag, 19. November 2022

Leder vernähen

 Nach dem Besuch im Ledermuseum und den vielen Informationen, die ich dort während der NähFrauenReise im Mai gesammelt habe, wollte ich mir unbedingt nochmal eine Tasche aus Echtleder nähen. Aus meinem ersten Versuch vor etlichen Jahren wurde eine optisch schöne, noch etwas dilettantisch vernähte und leider aufgrund des fehlenden Reißverschlusses und der nicht wirklich optimalen Henkellänge wenig getragene Tasche. Sie ist in der Verlinkung gezeigt, aber ich habe sie anscheinend nie separat verbloggt. Damals habe ich türkisblaues Nubukleder verwendet, gab es auf dem Stoffmarkt bei Regenwetter am Ende sehr stark reduziert. 

Bevor ich neues Leder kaufen wollte, sichtete ich Schnittmuster. Es geht eben nicht alles, weil meine Maschine zwar Leder gut mit einer entsprechenden Ledernadel vernäht, aber bei kräftigem Leder bei 4 Schichten eine Grenze hinsichtlich des Zwischenraums zwischen Füßchen und Material erreicht ist. D.h. es musste ein Schnittmuster her, wo niemals 4 Lagen aufeinander treffen, bei rechts auf rechts vernähten Nähten heißt das, dass es keine Stelle gibt, wo diese Nähte wiederum aufeinander treffen und miteinander vernäht werden. 

Ich habe mich für eine Reproduktion der bereits mehrfach genähten und sehr gern getragenen Heldinnentasche entschieden. Das goldene Kunstleder fiel aus allen Nähten, die petrolfarbene Tasche war auch nicht mehr schön. Mit den Schnittmusterteilen bin ich dann Anfang Juni zu dem Stand auf dem Stoffmarkt gegangen, der verschiedene Lederstücke verkaufte. Ich habe mir 2 größere unregelmäßige Stücke, eins mit einem Loch in der Mitte, gekauft. Es handelt sich um ein relativ festes Rindleder, zur Provenienz, insbesondere zur Gerbung konnte der nette Verkäufer leider nichts sagen. Er akzeptierte leider keine Kartenzahlung, hatte aber soviel Vertrauen zu mir, dass er mir das Leder mitgab und mich bat, es später zu überweisen. 50 Euro habe ich für die Stücke bezahlt.

Die Heldinnentasche habe ich letztes Wochenende bei der AnNäherung Süd genäht. Ich habe ziemlich geflucht, nicht weil es mit dem Leder nicht klappte, sondern weil ich die deutsche Anleitung an mehreren Stellen nicht mehr verstanden habe. Glücklicherweise hatte jemand eine englische Anleitung gespeichert, die hatte mehr Bilder und trug zur Klärung meiner Fragen bei. Reißverschluss, Innenleben, alles easy, an den Absteppungen bin ich gescheitert (wie auch damals bereits beim Kunstleder, aber diesmal habe ich es bei dem äußeren Bogen erst gar nicht versucht), ein paar gerissene Unterfäden weiter, waren alle Teile aneinander genäht. Beim Annähen des Gurtbandes habe ich auf ein Einklappen des Leders oben verzichtet. Überhaupt hätte ich an einigen Stellen einfach die Schnittkante also links auf rechts legen können. Aber jede Naht hinterlässt Löcher, trennen und neu nähen geht nicht, jede Naht muss sitzen. Herausgekommen ist eine tragbare Tasche mit leicht sichtbaren Mängeln auf der Rückseite. Da die Rückseite immer dem Körper zugewandt ist, ist mir das (fast) egal.






Für das Futter habe ich wunderbaren Waxprint verwendet, von Jule Futterstoff für den Tauschtisch gespendet. Der Reißverschluss ist aus dem Werksverkauf von Dorothee Schumacher, sehr tolle Qualität.

Und weil ich noch Leder übrig hatte, auch einen weiteren Reißverschluss und Kleinteile aus Metall von alten Taschen, habe ich aus den Resten noch eine einfache Crossover Bag aus einem Buch genäht. Der Schnitt heißt Jane, leider weiß ich nicht mehr aus welchem Buch. 2 Schnittteile, 2 Abnäher, Reißverschluss, Waxprint Futter, Gurtband, ganz schnell fertig. Sie beult ein bisschen, ich denke, wenn was drin ist, wirft es nicht so eine Falte vorn.




Es sind immer noch Lederteile (auch Waxprint für das Futter) da. Als nächstes werde ich das Trifold Portemonnaie aus dem zweiten Buch von Lisa Lam in Angriff nehmen. Vermutlich könnte ich aus den Lederresten sogar noch 3 Portemonnaies nähen, aber ich will es ja nicht übertreiben.


Zusammenfassend würde ich sagen, Leder lässt sich super vernähen, sofern man einige Regeln beachtet, dazu gibt es im Internet diverse Hinweise, einfach mal googeln. Ich werde auf jeden Fall noch weitere Projekte in Angriff nehmen. Echtes Leder ist sehr viel langlebiger, fühlt sich angenehmer an und sieht besser aus als Kunstleder. Ich hoffe natürlich auch, lange etwas von den Taschen zu haben, aber ich kann ja notfalls selbst flicken. Beide Lederstücke haben mich 50 Euro gekostet. Einzig habe ich nicht die Laufrichtung beim Zuschnitt beachtet, ich hoffe, dass nichts reißt.

Grüße, Anja

P.S. Und das Trifold Wallet ist schon fertig, ging schnell und einfach, wenn man der Anleitung genau folgte, es ist noch Luft nach oben, schon wieder haben mir 3 Lagen Leder übereinander einen Strich durch die Rechnung mit dem sauberen Absteppen gemacht. Da hilft es nur, Schnitte mehrfach zu nähen und im Fall von Leder eine Futterschicht z. B. wegzulassen.










Donnerstag, 17. November 2022

Ledermuseum Offenbach - Der Handschuh - Mehr als ein Mode-Accessoire

 Ich hatte Besuch von einer ebenso näh- und modebegeisterten Freundin wie ich es bin. Auffgrund eines - wie sagt man - Büroversehens - hatte sie eineinhalb Tage bei mir zu überbrücken bevor es für sie weiter nach Essen ging. Üblicherweise checken wir die Kunstausstellungen, diesmal ziemlich Fehlanzeige, aber ich hatte im Hinterkopf, dass das Ledermuseum im November eine neue Ausstellung avisiert hatte. Und tatsächlich, es war so: Thema Handschuhe. Meine Freundin war doppelt begeistert, denn seit einem Projekt bei Roeckl kennt sie den dortigen Werksverkauf und trägt Handschuhe. Sie hatte sogar ein wunderschönes Paar dabei. Ob mir früher ihre tollen Handschuhe nie aufgefallen sind? Nein, waren sie nicht, Handschuhe haben für mich in erster Linie einen funktionalen Charakter. Der Unterschied zwischen den beiden Roeckls, von denen die eine in München am Roecklplatz residiert, war mir auch nicht bekannt. Also nix wie los, Weiterbildung in Sachen Handbekleidung.

Entstanden ist die Idee zu der Ausstellung während der Pandemie, als das Handschuh tragen aus Hygienegründen einen neuen Stellenwert erlangte. 

Unterschieden wird in der Ausstellung zwischen allen Arten von Funktionshandschuhen, auch aus Bereichen, die ich nie auf dem Schirm hatte, und der Handschuhmode im Lauf der Zeit, teils gibt es natürlich auch Überschneidungen. Gezeigt werden Kopien der Handschuhe berühmter Persönlichkeiten, auch aus der heutigen Zeit, Karl Lagerfeld, Bernie Sanders.

Ein Teil der Ausstellung befasst sich mit der Herstellung von Lederhandschuhen, Größenerstellung, Schnittmustern, Werkzeug - wertige Handschuhe werden immer noch handgefertigt, das erklärt ihren Preis. Die verschiedenen Handschuhleder sind erklärt, die Verarbeitung ebenso.

Unten links: Hope Brothers, Kalbleder, England 20. Jh, unten rechts: Fendi, Kalbfell im Leolook bedruckt, 21. Jh.



Oben: vermutlich  Marc Jacobs für Louis Vuitton, 2008 (bin mir nicht mehr sicher)
Unten: Hermes, Seidenjersey, 21. Jh

Unten links: VEB Erzgebirge, 1984, unten rechts: Karibupelz, Kanada, um 1940



Und als es um die Handschuhe für das Autofahren früher ging, wurde uns bewusst, warum es im Auto ein Handschuhfach gibt und warum das so heißt. Vor dem Fach im Armaturenbrett hatten die Autos eine Schublade unter dem Fahrersitz, in die der Fahrer seine Handschuhe legen konnte. Zu Beginn des 20. Jh hatten Autos weder eine Windschutzscheibe noch ein Verdeck, erst in den 30er Jahren kam die Autoheizung auf und dünnere Modelle mit kurzem Schaft wurden populär.


Martin Margiela hat gerne Handschuhe verfremdet eingesetzt: unten eine Handschuh Geldbörse, Kooperation mit H&M 1999

Kurios die Handschuh Bralette Florence Icy Green, T-Label, 2021

In einem separaten Raum wurden Arbeiten von Studenten des Studiengangs Accessoire Design aus Pforzheim gezeigt, die neue und ungewöhnliche "Hanschuh"-Ideen übernommen haben.

Die Ausstellung geht noch bis weit ins nächste Jahr hinein. Klein, aber fein. Ich habe Lust bekommen, aus feinem Leder (Schnittmuster schon gefunden) Handschuhe mit langem Schaft selbst zu fertigen. Die wären perfekt zu Cape oder meiner neuen Indoor-Outdoor-Jacke (zeige ich am nächsten Me made Mittwoch).

Grüße aus Frankfurt, Anja



Dienstag, 15. November 2022

AnNäherung Süd 2022 bei Wiesbaden

Ich habe mich durchgerungen - nach vielen Jahren der Überlegungen, immerhin gibt es die AnNäherungen bereits seit 10 Jahren, einmal im Norden Deutschlands (in der Stadt, die es doch gibt: Bielefeld) und einmal im Süden (wechselweise Würzburg, Heidelberg und jetzt in der Nähe von Wiesbaden) - habe ich mich angemeldet. In meinem Fall konnte ich wunderbarerweise mit der S-Bahn durchfahren, vom Bahnhof Niedernhausen fährt ein Bus zum Tagungshaus, sonntags nicht oft, aber auf Vorbestellung gibt es auch Taxis. Dennoch ist die Gepäckfrage nicht unerheblich. Neben der Nähmaschine sind auch noch die Stoffe und Zutaten, Schnittmuster und ggf. Bügeleisen, Bügeldecke mitzunehmen. Da bleibt nur wenig Platz für Pyjama und Anziehsachen. Aber es geht. Auf dem Rückweg hatte ich glücklicherweise von meiner Haltestelle Tragehilfe, auf dem Hinweg war mein Arm vom Ziehen schon recht lahm. Ich bin es auch einfach nicht gewohnt, mit soviel Gepäck zu verreisen.


Der Nähraum war super ausgeleuchtet und wirklich groß. Genug Platz für 16 oder 17 Nähmaschinen und was die Teilnehmerinnen sonst noch so dabei hatten. Manche sehr viel mehr Equipment als ich. Wir waren in Doppelzimmern untergebracht, das Essen war wirklich lecker. Für Getränke und viel Wein, Baileys und Süßigkeiten war gesorgt (fast schon zu gut).
 
Vorab hat jede einen Steckbrief erstellt, an der Pinnwand waren die Nähprojekte das ganze Wochenende über sichtbar, mit Stoffproben usw. Einige haben das ganze Wochenende an komplizierten Mänteln, Trenchcoats gearbeitet, eine andere hat schnell viele Jerseykleider (8 oder 9, mitzählen war schwierig) produziert. 



Insgesamt war es ein sehr intensives, auch anstrengendes Wochenende. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Stunden genäht. Das lag sicher auch daran, dass ich - außer dem Essen und einem einstündigen Spaziergang im Wald - keine Pausen gemacht habe. Ich war extrem erledigt am Sonntag Nachmittag. Das lag natürlich an mir selbst, zum Stoffe kaufen und zur Stadtbesichtigung fahre ich nicht nach Wiesbaden, bin dort schon oft gewesen. Dafür habe ich fast 4 Projekte fertig genäht.



 An der Heldinnentasche, die ich bereits mehrfach genäht habe, fehlte nur noch das Gurtband, habe ich zuhause innerhalb von 5 Minuten eingeschoben und festgenäht. Die Tasche ist diesmal aus Echtleder, was viel besser aussieht, aber an einigen Stellen, wo zuviele Lagen übereinander liegen, schwer zu nähen war. Ich musste teils von der sowieso schwer verständlichen deutschen Anleitung abweichen. Zum Glück hatte eine Teilnehmerin die englische Anleitung, die viel besser bebildert ist und die Arbeitsschritte tatsächlich in teils abweichender Reihenfolge enthält. Das Handytäschchen innen habe ich weggelassen, Futter in Eigenregie ergänzt.

Die Pantalon Wrap, auch bereits mehrfach genäht, wurde schnell fertig, sie besteht ja nur aus 2 Schnitteilen und einem Bindeband, ergänzt habe ich aufgesetzte Taschen, die fehlen mir bei der Hose, die ich schon habe. Die Hose ist eher für das Frühjahr, ich werde irgendwann Fotos machen. Einen kleinen Aufnäher von Jule Futterstoff habe ich aufgenäht, danke. Meine anderen Aufnäher von der AnNäherung habe ich leider beim Packen verloren, ich weiß jedenfalls nicht, wo sie geblieben sind. Die Abreise gestaltete sich wegen einer ausfallenden Bahn am Sonntag etwas plötzlich.


Viel Zeit habe ich mit einer Indoor-Jacke aus wundervoller Wolle von Anita Pavani verbracht. Das Innenleben wurde mit Schrägband aufgehübscht, die Armlänge mehrfach geändert, Belege und Säume mit Hand angenäht. Ich zeige die Jacke beim nächsten Me Made Mittwoch. Ich liebe sie schon jetzt und in kühlen Innenräumen ist sie der Knüller.

Samstag Abend war ich mit den 3 Projekten, die ich sicher nähen wollte, fertig, zum Glück hatte ich noch ein Jeansjäckchen aus einer älteren La mia Boutique für die Tochter zugeschnitten. Viel Kleinkram und Abstepperei am Sonntag, aber eine logische verständliche Anleitung, ich mag die Schnitte aus dieser Zeitschrift wirklich sehr. Nun fehlen noch die Ärmel, Bündchen, Linguette (wie heißt da auf Deutsch, sowas wie Manschetten, nicht ganz) und natürlich muss ich Knöpfe kaufen.
  

Es war ein sehr inspirierendes Wochenende, ich habe viele Frauen kennen gelernt, die ich vorher nur aus dem Internet oder gar nicht kannte, gleichzeitig war es anstrengend. Fahre ich nochmal zu einer AnNäherung? Ich weiß es nicht, das Gepäck, das Doppelzimmer, die mangelnden Pausen sind Negativpunkte. Bei Online-Nähtreffen fällt es mir leichter, zwischendurch ein- und auszuschalten und auch mal etwas anderes zu machen oder mich einfach zu verabschieden, wenn ich fertig bin. Insofern sind sie eine gute Alternative für mich. Dazu Treffen zum Quatschen und Besichtigung von Mode-/Nähinhalten oder ein Workshop mit einem Thema, wo man etwas Neues lernt. Gemischte Inhalte eben, mehr Abwechslung. Ich lasse das Wochenende noch auf mich einwirken, werde hoffentlich bald an der Jeansjacke weiter nähen und auch aus dem Weihnachtsstoff irgendetwas zum WKSA 2022 fabrizieren.

Novembergrüße, Anja

Montag, 14. November 2022

WKSA 2022 - Ich starte ....

 ... und überlege. Den passenden Stoff habe ich schon seit einigen Jahren herum liegen. Genau genommen habe ich ihn gekauft, als der Karstadt in meiner Nähe vor 3 (?) Jahren schließen sollte und einen riesigen Abverkauf mit großen Prozenten gemacht hat. Ich war in dieser Zeit regelmäßig in der Stoffabteilung und immer wieder lagen neue Stoffe auf den Tischen. Schließlich sollte das gesamte Lager geräumt werden. Kaufhof, ein paar Hundert Meter weiter, hat keine Stoffabteilung, alles musste raus wie man so schön sagt. Einige Monate später haben sich Stadt, Betriebsrat und Konzern geeinigt, dass Karstadt doch noch einige Jahre bleibt (2024?) und erst dann endgültig schließt. Wann er nun schließt, wir werden sehen, denn ich nehme an, dass das Haus nach der Insolvenz wieder auf dem Prüfstand steht. Um die Stoffabteilung wäre es schon schade.

Wie gesagt, damals habe ich Stoffe gekauft, die ich nicht wirklich brauchte, an ein Weihnachtskleid habe ich bei diesem Stoff damals schon gedacht. Auch an ein Kleid für mich für den Abiball der Tochter. Den Abiball gab es aufgrund der Pandemie dann nur für die Schüler, nicht für die Eltern. Aber der Stoff eignet sich auch besseer für den Winter. Dunkel-nachtblau-schwarz schimmernd, etwas glänzendes Paisley Muster, leider sehr künstliche Haptik, reichlich Stand, dennoch sehr dünn, Futter ist zwingend notwendig. Mir wurde damals der Rest des Ballens, fast 5 m, für 10 Euro aufgenötigt. Damit kann ich nun eine ganze Menge machen. Doch habe ich noch keine wirkliche Idee. Vor allem will ich keine Reste übrig haben.

Voraussichtlich läuft es auf eine weit schwingendes Kleid hinaus, gerne im Stil der Fünfziger, vielleicht auch einen Zweiteiler, also Rock und Oberteil (das dann zusammen wie ein Kleid aussieht), denn tatsächlich passt ein schwingender Rock besser in meinen Kleiderschrank und wird nicht nach den Festtagen ungetragen herum dümpeln (wie es mit dem Weihnahtskleid 2017 geschehen ist, leider!). Bei dem Rock denke ich an eine Konstruktion des Lunaticarockes, dessen Versionen ich gerne trage und unterschiedlich kombiniere. Bei dem Oberteil fehlt mir noch jede Idee. Aber vielleicht wird es dann auch nur ein Rock. Einen passenden Unterrock habe ich sogar, insofern spare ich mir das Füttern.

Hier der Stoff:


Ihr seht schon, in Sonne und Kerzenlicht ergeben sich tolle Effekte. Das Muster ist ziemlich großflächig. Es gefällt mir immer noch gut, das ist auch der Grund, weshalb ich mich entschlossen habe, den Stoff jetzt endlich zu vernähen und nicht für den Stofftauschtisch zur AnNäherung mitzunehmen. Sorry. Wer weiß, was daraus geworden wäre. Der Sew-Along übt einen gewissen Druck auf mich aus, das ist gut in dieser Situation. Auch wenn ich noch rätsele, wann ich mir die Zeit zum Konstruieren und Nähen nehmen werde (aus dem Grund vermutlich doch nur ein Rock), denn ich habe noch etliche andere Sachen vor Weihnachten vor.

Der Post wird verlinkt beim Me Made Mittwoch WKSA. Wo ich sehr gespannt bin, was die anderen Damen so machen.

Viele Grüße

Anja


P.S. Letztes Wochenende war ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einer AnNäherung (ich berichte), war dort sehr fleißig, habe aber aufgrund von Designentscheidungen, einem back-up Projekt, mit dem ich weiter als gedacht gekommen bin und einem fehlenden Gurtband, nicht alles fertig genäht. Ich gehöre ja zu den Menschen, die alles der Reihe nach abarbeiten, insofern rutscht das Weihnachtskleid leider weiter nach hinten (dieser Blogpost war schon vor dem Wochenende geschrieben).