Dienstag, 19. Mai 2026

Many shades of Grès


Sehr sehr sehr spontan habe ich letzten Freitag einen Schlenker gemacht. Eigentlich war ein Wanderwochenende in meiner alten Heimat angesetzt, aber die Wetterprognose war dürftig. Ich habe also im Web gesucht, wie ich den Aufenthalt abrunden kann und neben den Verabredungen und notwendigen Erledigungen die Zeit füllen kann. Donnerstag poppte mir auf Instagram eine Ausstellungseröffnung entgegen. Oft nervt Instagram, aber von dieser Ausstellung hätte ich ohne den Algorhythmus nicht erfahren. Donnerstag Abend im Kunstgewerbemuseum in Berlin. Hmm, das bedeutet eigentlich nur ein Umweg von ca. 2 Stunden, natürlich absurd viele Kilometer, aber auf manchen Teilabschnitten sind die ICE sehr schnell und für die Hinfahrt habe ich den Sprinter gewählt, der von Frankfurt bis Berlin durchfährt. Ich habe noch überlegt, ob ich irgendwen meiner Nähbekannten in Berlin informiere, aber ich wollte auch maximal flexibel bleiben, da ich Freitag Abend in Lippe erwartet wurde. Sorry an eine liebe Leserin, die die Ausstellung sicher auch besuchen und vielleicht beschreiben wird, sie wird sich hiermit angesprochen fühlen.

Ich habe mich im Zug über die Exponate und den Hintergrund ein wenig informiert. Den Namen Madame Grès kennen wir vermutlich alle, verbinden ihn mit Paris, mit Haute Couture, mit vergangenen Zeiten. Bewusst im Original habe ich noch keine Modelle von ihr gesehen und mich auch nicht mit dem Leben von Emilie Krebs, Mademoiselle Alix, Alix Barton, Alix Grès, Madame Grès - soviele verschiedene Namen und Marken - beschäftigt.

Madame Grès - als die sie am Ende in die Modegeschichte einging - wollte eigentlich Bildhauerin werden und das wird in ihren Modellen sehr deutlich. In der Ausstellung werden einige von ihnen Skulpturen gegenüber gestellt. Die Ähnlichkeit ist frappierend.

Spannender fand ich an der Ausstellung jedoch die Gegenüberstellung mit modernen Entwürfen von Modestudenten. Deren Ideen überzeugten mich sehr und daher habe ich ihnen auch mehr Aufnahmen gewidmet.

Dekonstruierte Hemden, Kleider, Faltenwürfe, Plissee, Stick, Blechornamente. Erläutert wurde jeweils der Bezug zu Madame Grès, die Ähnlichkeit oder der Kontrast, das Material oder das genaue Gegenteil davon. So kann man natürlich eigentlich immer eine Verbindung herstellen. Überrascht hat mich im Übrigen, dass Grès mit Jersey gearbeitet hat. Bei Plissee hätte ich das nicht erwartet. Aber die Falten sind nicht eingebrannt, sondern eingenäht.


Unten ein Zweiteiler mit Maske, ein moderner Kontrast zu den weichen fließenden Gewändern von Madama Grès. Harte Kanten, architektonische Strenge, brutalistisch aufgebrochene Züge als Gegenteil von dem, was in den Modellen der Grès zu finden ist.



Im modernen (oben) und originalen (unten) Ensemble ist klar, wie der Bezug zwischen dem studentischen Entwurf und dem Original gedacht ist. Skizzen, Fotos usw. begleiteten die Modelle. Leider war der Raum sehr dunkel gehalten. Mich nervt immer, wenn es dunkel ist und man sich tief bücken muss, um Texte zu lesen. Aber so ist es leider ganz oft, wenn Kleider auf Figurinen ausgestellt sind.


Die Falten werden alle mit der Hand gelegt und fixiert, um zu halten, was für eine Arbeit. In den fließenden plissierten Kleidern steckt unfassbar viel Stoff. Im Rock oben über 8 m, im Oberteil fast 3 m. Verwendet wurde Jerseyseide, ein Material, das mir im Stoffladen noch nicht begegnet ist.




Oben 3 moderne, unten originale Kleider. Das Oberteil werde ich mir eventuell versuchen nachzuarbeiten, der Faltenwurf ist wirklich toll. Ich wollte mich sowieso einmal mit Drapieren beschäftigen.


Das weiße Modell unten ist eigentlich superschlicht, einfache Bahnen, die in der Taille hochgeschoppt werden. Bei diesen Modellen wurden transparente Stoffe als Overlay verwendet, mag ich sehr.



Eine tolle Rückenansicht einer studentischen Arbeit, leider konnte man in der Ecke die Vorderansicht gar nicht anschauen, Spiegel wären hilfreich gewesen. 



Zuletzt das Berlin Späti Modell mit Brustpanzer und - als spezielles Merkmal von Berlin - angeranztem und zerrissenen Stoff. Abendgarderobe der etwas anderen Art. Madame Grès hat in dieser Abteilung Modelle mit Pailletten, Steinen und aufwändigem Stick gezeigt.

Eine kleine feine Ausstellung, die noch bis Oktober andauert. Sehr genossen habe ich die Leere in den Räumen, die Lage am Tiergarten, durch den ich noch bis zur Weiterfahrt spaziert bin.

Auf bald, lieben Gruß, Anja

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