Dienstag, 15. August 2023

Kleider aus (Weiden-) Geflecht - auf der Durchreise in Lichtenfels/Oberfranken

Sonntag habe ich auf der Rückfahrt von Bayreuth nach Frankfurt einen kleinen Stopp in Lichtenfels gemacht. Ich bin schon mehrfach dort vorbei gefahren und fand, dass der Ort von der Bahn immer sehr hübsch aussah, so wollte ich ihn mir einmal genauer anschauen. Vorher habe ich etwas recherchiert und festgestellt, dass es sich um eine alte Korbflechterstadt mit der einzigen Berufsfachschule für Flechtkunst handelt. Wenn man es nicht vorher gelesen hätte, hätte man spätestens am Bahnhof, aber noch massiver in der Stadt gemerkt, dass hier alle geflochten ist: Abfalleimer, Blumenkörbe, Sitzbänke, Leuchtenummantelungen, einfach alles!


Ziel meiner kleinen Stadtbesichtigung war das Museum im Stadtschloss, dort gibt es neben traditionellem Flechtwerk, hier eine Tasche des diesjährigen Absolventenjahrgangs

ziemlich coole Kostüme aus verschiedenen geflochtenen Materialien. Es handelt sich um die 7 Salix und 7 Plejaden, auf der Website der Künstlerin Berit Ida gibt es das Begleitheft mit Fotos und Erläuterungen. Hier die Übersicht aus der Ausstellung:

Neben den Puppen liefen Videos, die die Kostüme am Körper und in Bewegung zeigten. Wahnsinn (nach Wahnfried und Wahnfood). Ich konnte mich nicht entscheiden, welche Fotos ich hier zeige, deswegen sind es mehrere geworden:







Die Öffnungszeiten des Museums sind leider ziemlich dürftig (ich habe vorher noch eine längere Wanderung unternommen, um nicht zu früh dort zu sein), aber falls man in der Nähe ist, lohnt es sich unbedingt reinzugehen. Spannend, was es manchmal in der Provinz zu entdecken gibt.

Viele Grüße

Anja

Mittwoch, 2. August 2023

Me made Mittwoch - Grasser 959

Immer mal wieder stolpere ich über die Website vom russischen Schnittmusterhersteller Grasser Pattern. Sekundenlang frage ich mich dann, ob es in diesen Zeiten überhaupt o.k. ist, dort etwas zu bestellen. Grenzwertig ist auch deren freches Kopieren von Designeroriginalen mit Veröffentlichung von Originalfotos. Bis vor kurzem bin ich aber nie wirklich in Versuchung gekommen.

Vor Jahren habe ich mit diesem Kleid von Julia geliebäugelt. Abgeschreckt haben mich damals die russische Sprache (die Übersetzungen kamen erst danach irgendwann) und der Stoffverbrauch, der große Restmengen nach sich zieht. Nun poppte mir im Juni dieses Kleid entgegen. Ähnlich dem von Julia, aber mit einem wintergeeigneten Kragen, auf Englisch und laut Natallia mit ausführlicher Anleitung (das kann man irgendwie an den Nummern erkennen - und am Preis).


Ich habe meine Bedenken über Bord geworfen als mir bei der Karstadt Insolvenz zwei Wollmélange Stoffe (100 % Polyacryl allerdings) in fast den oben gezeigten Farben mit 90 % Rabatt über den Weg liefen. Und weil ich so begeistert bin, der Wollmélange nicht für richtig kalte Wintertage geeignet ist und es außerdem ein paar Sachen am Schnitt und in der Herstellung für mich zu verbessern gibt, habe ich mittlerweile bei The Fabric Sales Sweat bestellt (wird heute geliefert). Dafür wird der Schnitt empfohlen. Meine Wollmélange funktioniert auch, dünnerer Jersey würde sicher ebenso gehen.

Eine technische Zeichnung gibt es auch, die Idee ist, das Kleid zweifarbig zu nähen, aber ich habe im Netz auch ein einfarbiges Beispiel mit hervorgehobenen Nähten gesehen, auch eine gute Idee:




Ich habe wenig Erfahrung mit Kaufschnittmustern, war aber von dem letzten etwas enttäuscht, siehe Beschreibung hier. Bei Grasser war das Herunterladen einfacher, die Schnittzugabe war nur 1 cm, das finde ich perfekt. Die Anleitung ist so unglaublich detailliert wie ich noch nie eine Anleitung gesehen habe. Es fing schon damit an, dass die Mengen für unterschiedliche Stoffbreiten angegeben waren, dann immer wieder Bügelhinweise, gut kontrastierende Farbfotos, verständliche (einfache) Sprache usw., es gab an keiner Stelle irgendetwas, wo ich nachdenken musste. Erinnert an Vogue, Butterick usw., nur mit Fotos statt Skizzen und noch mehr Hinweisen, die natürlich eigentlich selbstverständlich sind, aber doch schön, wenn man nochmal erinnert wird.

Hinsichtlich der Größe bei Grasser war ich unsicher (man bestellt einen Eingrößenschnitt, der sich an der Körpergröße orientiert), ich bin 176 cm groß, liege damit genau an der Grenze von 2 Größen, ich hätte besser die längere genommen, denn meine Oberkörperlänge, die Stelle der Brustabnäher, die Höhe der Taille und meine Ärmellänge passen nicht und die Schnittteile hätten jeweils ca. 3 cm länger sein können (das ändere ich beim nächsten Mal, wie ich das oberhalb der Brust in dem Musterverlauf mache, weiß ich noch nicht, es wird aber irgendwie gehen). Die Größe 48, die ein Mischmasch aus meinen Brust-, Taillen- und Hüftwerten ist, funktioniert hingegen erstaunlich gut. Vermutlich weil es an der Taille reichlich (10 cm) positive ease gibt und der Schnitt für Stretch ausgelegt ist. Bei Webware hätte ich mit der Größe Schwierigkeiten, mir scheint auch der Brustabnäher nicht nur für mich falsch positioniert sondern recht groß.

Das Zuschneiden der Wollmélange war etwas mühselig, weil sie sich am Rand einrollte, aber irgendwann war ich fertig. Die beiden Farben unterscheiden sich im Gewicht unmerklich, die rote ist etwas schwerer und damit stabiler. Ergänzend habe ich sicherheitshalber die Ärmel und Schultern mit aufbügelbarem Vlieselineband verstärkt, damit sie nicht ausleiern. Innen ist das nicht so schön. Bei Sweat wird das nicht nötig sein.

Genäht habe ich dann Schritt für Schritt mit dem Elastikstich, empfohlen wird eine Overlock, die besitze ich nicht. Das ist vielleicht die einzige Kritik an der Anleitung, dass automatisch davon ausgegangen wird, dass man alles mit der Overlock näht. Ich finde, die normale Nähmaschine reicht völlig aus, natürlich wirkt es innen weniger professionell.

Ein wenig Bedenken hatte ich hinsichtlich des exakten Ansetzens der farbigen Stücke, das ist mir auch an  2 Stellen nicht so gut gelungen: einmal dort wo der Reißverschluss sitzt, den Bruch sieht man nur, wenn der Reißverschluss geschlossen ist. Mglw. liegt das auch daran, dass hier im Schnittmuster kein Versatz für das Einklappen mit Reißverschluss vorgesehen ist. Da ich vorher schon 10 cm des sehr engen und schlecht sichtbaren Elastikstiches aufgetrennt habe (sehr riskant, denn schnell ist Wolle und Nähgarn verwechselt), habe ich von weiteren Auftrennarbeiten abgesehen. Bei genauerer Überlegung hätte es vermutlich nichts geändert. Man schneidet ja in den Musterverlauf, der an dieser Stelle ungerade ist, hinein und klappt dann ein Stück nach innen. Damit ist aus meiner Sicht ein Musterbruch vorprogrammiert.

Die andere Stelle ist beim Übergang Vorderteil-Rock, angezogen fällt es nicht so auf, weil die Stelle ein wenig seitlich ist. Ich habe es erst nach dem Versäubern gemerkt. Und aufgrund der Gefahr, beim Auftrennen (hier hätte ich wieder mindestens 10 cm auftrennen müssen) Löcher zu fabrizieren, habe ich es gelassen. Auf dem Foto noch ungebügelt.


Was mich am meisten stört ist der etwas zu kurze Ärmel, denn wenn ich meinen Daumen durch das vorgesehene Loch stecke, spannt der ganze Ärmel ein wenig, da fehlt nicht viel, vielleicht 2 cm,  ich habe es auch schon vor dem Säumen gemerkt, aber ich habe keine Möglichkeit mehr zur Korrektur gesehen. Es ist sowieso die Frage, wie oft man den Ärmel so trägt, praktisch ist es für irgendwelche Schreib-, Computer-, Haushaltstätigkeiten sowieso nicht.




Diese Aufnahme ist bei etwas anderem, körnigerem Licht entstanden, die Farben passen aber tatsächlich eher zum Original. Ich habe das Kleid bisher nur zum Fotografieren angezogen, aber wenn das Wetter so bleibt, passt es gut zur Jahreszeit. Im Winter kommt natürlich eine Strumphose und Schuhe/Stiefel dazu.



Schwierigkeitsgrad: extrem gute Anleitung, dadurch sehr gut machbar, auch die etwas schwierige Stelle mit dem Einsetzen des Reißverschlusses in den Rollkragen (ah, da fällt mir ein, der Rollkragen könnte für mich auch etwas höher ausfallen)

Kosten: Stoff für insgesamt 4 - 5 Euro, Insolvenzverkauft im Karstadt, Garn vorhanden und Reißverschluss aus irgendetwas herausgetrennt, die Länge war auch nicht perfekt, aber es geht. Schnttmuster und Plotter ca. 18 Euro

Zeitaufwand: entspanntes abendliches Nähen über eine Woche, kleinschrittig und ohne großes Nachdenken

Zum Aufhübschen habe ich noch altes Webband gefunden: Babuschkas, die passen zu einem russischen Schnittmuster.


Ich bin nun zwei Mal beim Me made Mittwoch vertreten, der Rock vom ersten Post wurde letztes Wochenende schon fertig und ich habe mit dem Verbloggen gewartet, das Kleid ist frisch (aber nicht schnell) von der Nähmaschine gehüpft, wie man manchmal so sagt, viele Grüße, Anja


Me Made Mittwoch - Rock aus Stoff von der anNÄHerung Süd 2022

Bei Nähtreffen gibt es oft einen Stofftauschtisch, im November habe ich ein recht großes Stück Baumwolle-Elasthan-Mischung in schönem Weinrot mit großen aufgedruckten Blumen mitgenommen. Groß genug für einen Rock oder ein Oberteil mit kurzen Ärmeln. Die Stoffhaptik schien mir jedoch eher für einen Rock geeignet. Da ich im Moment (wieder) gerne selbst konstruiere und ich den Stoff maximal verwerten wollte, bot sich ein schmal geschnittener, fast midilanger Rock mit einem hohen Bund an (das Stoffstück hatte angeschnittene Teile, die sich nicht mehr in die Rocklänge integrieren ließen). Danke hier an die unbekannte Spenderin, falls sie das liest, ich bin sehr zufrieden mit dem fertigen Rock. Recherchen im Internet führten mich u.a. zu Dolce&Gabbana.


Bevor ich mich final für einen Schnitt entschieden habe, habe ich aber noch ein wenig mit meinen Kurzwaren experimentiert: die Ideen reichten von Reißverschluss hinten und vorne (jeweils seitenverkehrt, einer als Schlitz, der andere zum Einstieg), komplette Knopfleiste und das Basismodell wie oben. Aufgrund des gemusterten Stoffes, der durch die Reißverschlüsse ungünstig zerschnitten worden wäre und in dem eine Knopfleiste "untergeht", habe ich mich für die ganz schlichte Lösung entschieden. Seitennahttasche (aus anderem Stoff), seitlicher Reißverschluss und Knöpfe am hohen Bund, die Farbauswahl dafür habe ich erstmal vertagt. Überhaupt habe ich mich dem fertigen Rock in kleinen Schritten angenähert, was zu einem viel ordentlicheren Nähergebnis führte als üblicherweise.

Als der nach dem Grundschnitt konstruierte untere Rockteil, also Bleistift, aber ganz leicht ausgestellt, damit ich damit noch einigermaßen gut gehen kann (Fahrradfahren geht dank Elasthan mit hochgeschopptem Rock), fertig genäht war, merkte ich, dass in der Taille noch Platz war und aufgrund meines Hohlkreuzes ein dritter Abnäher hinten in der Mitte Sinn ergibt. Erst danach habe ich einen geraden hohen Bund zugeschnitten (und in eine Hälfte Einlage gebügelt). Dabei habe ich die Lage des Knopfes über dem Reißverschluss nicht ganz richtig geplant, weil ich dachte, der Stoff reicht nicht aus, um an beiden Seiten einen Überstand zu haben, aber das ist nicht weiter schlimm. Immerhin habe ich an Aufhänger für den Kleiderbügel gedacht. Apropos: der hier sichtbare Bügelbrettbezugstoff ist auch von einem Nähtreffen.

Entschieden habe ich mich letztendlich für zwei kleinere graue Knöpfe. Den Saum habe ich mit der Nähmaschine umgenäht, das sah schrecklich aus, weil der Stoff beulte, also alles wieder aufgetrennt und neu umgeklappt und Blindstich eingestellt. Warum ich das nicht gleich gemacht habe, beeilen ist nie die beste Lösung. Am Ende hat es viel länger gedauert, aber das Ergebnis sieht wirklich besser aus.




Hier seht ihr die Knöpfe und ich habe das vorletzte meiner Etiketten von Constanze eingenäht. So ein Etikett macht aus einem Kleidungsstück doch etwas Besonderes. Weiter unten eine Aufnahme des ganzen Rockes mit dem ungeschickten Knopflochüberstand.


Ich habe in meinem Kleiderschrank mehrere potentielle Oberteile, alle aus Stoffresten und alle selbstkonstruiert. Einfache Tops, allerdings teils aus speziellem Material. Das mit den Fransen könnte ich für diesen Rock für die optimale Silhouette noch ein wenig kürzen. Das schwarze ärmellose Top oben habe ich mittlerweile etwas enger gemacht.



Schwierigkeit: sehr einfach

Kosten: keine, alles aus Resten bzw. geschenktem Stoff, ebenso rausgetrennte Reißverschlüsse und Knöpfe

Zeitaufwand: mit Konstruktion fast ein ganzer Sonntag (aber mit mehreren unterschiedlich langen Pausen)

Theoretisch lässt sich der Rock auch in der Übergangszeit (oder wie diese Woche, erstes Foto oben) mit langärmligen Sachen tragen, das Gewebe ich nicht flatterdünn. Verbloggt in der Augustsammlung des Me Made Mittwochs

Viele Grüße, Anja


Samstag, 22. Juli 2023

Tartan-Denim-Mix - Rock aus Resten

 

Ich bin mit meinen Aufzeichnungen der Behind the Seams - Jahrzehnte fast durch und hatte zwischendurch schon Lust, den "Block", also den Grundschnitt auf mich anzupassen, hier ist er, auf festem Tonpapier, damit er nicht gleich wieder zerfällt und ich mit den Abnähern besser herumspielen kann:

Meine Intention ist ja ständig, Stoffreste zu verwerten. Ein Streifen Karo, sehr feste Baumwolle, winterlich, war einmal ein nie getragener Rock, oben eingekräuselt, unmöglich an meinem Bauch und außerdem zu schmal an den Beinen, wurde nie verbloggt, deswegen kein Foto. Unten hatte ich damals schon mit Schrägband gearbeitet, weil ein bisschen zu mini. Dann gab es schwarze Denimreste, unterschiedlich lang und breit, Seitenteile des Zuschnitts dieser Jacke. In meiner Zubehörschublade sind mittlerweile viele Knöpfe und Reißverschlüsse, auch ein paar Bänderreste. Kurzzeitig habe ich noch mit einem partiell aufgenähten Ledergürtel (ja, schwarze Lederreste und eine kleine Schnalle habe ich auch noch) geliebäugelt, aber weniger ist manchmal mehr. Hier der endgültige Entwurf in etwas dilettantischer Ausführung, aber erkennbar:


Aus den Rockvorder- und -hinterteilen habe ich den Abnäher in eine A-Linie transformiert (später habe ich die Hüften noch schräger abgenäht), entsprechend meiner maximalen Stoffbreiten ergab sich ein in Falten gelegtes größeres Karoteil und ein schmales Denimteil. Dazwischen der rote "Sportreißverschluss vorne als Verschluss.

Hier Falten und Reißverschluss im Detail, oberhalb des Karos habe ich später noch einen Denimbund angenäht, damit der Rock nicht supermini wird - und zwar soviel wie der Denim an der Seite noch hergab.

Die Innenseite habe ich mit einem Nahtband bedeckt, denn der Denimbund ist ziemlich schmal geworden und ich hätte ihn nicht mehr einklappen können. Gefüttert ist der Rock nicht. Passendes Futter hätte ich sogar gehabt, aber ich wollte ja erstmal die kleinen Reste verwerten.


Hier der fertige Rock auf dem Kleiderbügel bzw. in einer Full-Karo-Version mit älterer von meiner Mutter genähter Dupionseidenbluse und dem Wollstoff-Reste-Slipover darüber, ich habe dieses Mal auch an Aufhänger für den Bügel gedacht:



Da es dies Wochenende nicht ganz so heiß ist, habe ich das Outfit auch kurz zum Fotografieren angezogen, im Winter dann mit schwarzer Strumpfhose und Stiefeln, ich glaube, das ist tragbar. Ach ja, den Slipover habe ich nochmal ein wenig überarbeitet und in Form gebracht, den kleinen "Tuck" oben bedeckt ein uralter Knopf von meiner Mutter.



Zeitaufwand: alles in allem etwa ein halber Tag, die meiste Zeit brauchte ich, um festzulegen, wie ich die Optik mache: Knöpfe, Schnalle, Reißverschluss ....

Kosten: keine, alles aus dem Bestand, der Reißverschluss wurde allerdings erst kürzlich in der Karstadt Insolvenz reduziert gekauft, ca. 1 Euro

Schwierigkeit: sehr einfach

Der Winter kann kommen ... ich bin vorbereitet. Viele Grüße, Anja


Donnerstag, 13. Juli 2023

20th Century Fashion mit Schnittmustererstellung

Beim Brunch während der Nähdelsreise nach Stuttgart hat Muriel mich darauf gebracht (danke nochmal dafür): Alice&Co Patterns haben eine Reihe, in der die Mode des 20. Jahrhunderts vorgestellt wird, den Behind the Seams Club, Muriel glaubte, dass mich das interessieren könnte und ja, sie hatte Recht. Letzten Montag habe ich mir die Folge zur Mode der 60er Jahre angeschaut, das ist bereits Session 10 (vor dem 20. Jahrhundert gab es auch noch die Jahrhunderte davor, die mich allerdings nicht so interessieren).

Alice, Modedesignerin, und ihre Tochter Lilia, die im Victoria und Albert Museum im Kostümbereich arbeitet, stellen einmal im Monat online ein Modejahrzehnt vor. Ich bin erst ziemlich spät eingestiegen, aber die Session hat mich so begeistert, dass ich mir nachträglich die anderen Sequenzen "gekauft" habe, um mir die Aufzeichnungen der 20er - 50er Jahre in Ruhe anzuschauen. Und dann freue ich mich schon auf die Zeit der 70er, 80er und 90er Jahre, die ich viel bewusster mit erlebt habe. 

Der "Kurs" dauert knapp 2 Stunden und ist in 3 Teile unterteilt: als erstes wurden die typischen Merkmale der Mode der 60er Jahre vorgestellt, Minirock, A-Linie, Cut-Outs, PVC-Stoffe usw., es wurden  verschiedene Designer vorgestellt, die in der Zeit populär geworden sind, auch Modeikonen, Materialien, typische Schnitte (aus dem englischsprachigen Raum). Ich erinnere mich noch an diese Zeit aus meiner Kindheit (mein roter Plastikregenmantel mit Hut, ein Karominirock, die Kleidung, die die Barbiepuppen, mit denen ich spielte, getragen haben), allerdings habe ich das Gefühl, dass manche Trends erst Ende der 60er Jahre, vielleicht sogar erst Anfang der 70er Jahre Deutschland erreichten. Abschließend gab es auch einen Ausblick auf Elemente der 60er Jahre, die in neueren Kollektionen auf dem Laufsteg gezeigt werden. Seit der Jahrtausendwende gibt es m.E. ja nicht mehr arg viel Neues, sondern immer wieder Elemente der früheren Jahrzehnte unterschiedlich miteinander kombiniert, anderer Mustermix, für die Jugend ist das aber alles irgendwie neu und die 90er Jahre Mode kann man inzwischen in Vintageläden in Frankfurt kaufen.

Hier Screenshots aus dieser Sequenz (mit Erlaubnis), damit ihr einen Eindruck bekommt, es war informativ, aber nicht überladen:



Im zweiten Teil zeigten Alice und Lilian eigene Stücke, die sie anhand der Mode der 60er Jahre gefertigt haben, einige der Teilnehmerinnen des Online Kurses hatten auch Kleider aus der Mary Quant Ausstellung, die vor ein paar Jahren in London zu sehen war, genäht. Man konnte und kann sich immer noch Schnitte irgendwo auf der Website herunterladen. Zwischendurch waren jederzeit Kommentare und Fragen möglich. Aber eigentlich wurde alles gesagt, Mutter und Tochter ergänzten sich bestens.

Teil 3 war dann für mich wieder ein Highlight: ich merke einfach, dass ich Schnittkonstruktion und das Verständnis, wie Schnittmuster funktionieren und das Einbringen der eigenen Kreativität zum Abwandeln derselben, viel interessanter finde als das manchmal fummelige und ordentliche Nähen und Erstellen eines handwerklich perfekten Kleidungsstückes. Ich verliere leider auch schnell die Lust, Auftrennen ist mir verhasst, ich gebe mich oft mit einem Zustand zufrieden, den andere suboptimal finden. Solange man die Unregelmäßigkeiten nicht sieht, sind sie mir ziemlich egal.

Zu einer Session erhält man einen "Miniblock", mit dem ein fiktiver Grundschnitt abgewandelt werden kann. Bei dem gesamten 20th Century Bundle ist ein richtiger Schnitt in Körpergröße dabei. Den werde ich noch mit meinem Grundschnitt aus der Anfangszeit meines Nähens abgleichen. Es ist ein anderes Schnittmustererstellungssystem verwendet worden als Hofenbitzer aus meinem VHS Kurs damals, bei Alice&Co ist im Rücken ein Abnäher vorgesehen, bei mir ist die hintere Mitte eingestellt, aber auch das kann man leicht miteinander vergleichen. Am Bildschirm wird dann sehr anschaulich gezeigt, was ich tun muss, um die Abnäher zu verschieben, so wie ich es vor Jahren mit Schere und Klebeband gemacht habe. Es wird mit einfachen Worten erklärt, wie man den Schnitt mit Hilfe von Einschnitten und Zusammenkleben verändern kann. Das war ein toller Fresh-Up, denn in meinen beiden Wochenendkursen haben wir uns primär mit Grundschnitterstellung beschäftigt und die Varianten nur kurz gestreift. Ich habe zwar auch Bücher zu dem Thema, aber ich finde das Lesen von Büchern doch umständlicher als das Anschauen eines Kurses. Ich glaube auch, dass es für jemanden, der sich noch nicht mit Schnittkonstruktion beschäftigt hat, verständlich ist. Das Video von Alice&Co kann ich mir immer wieder anschauen, außerdem gibt es ein hinterher ein Dokument mit den Beispielen der Schnittveränderung. Dabei dienen Bilder von Original Schnittmustern der 60er Jahre als Grundlage.



Nach einem sehr heißen und anstrengenden Tag letzten Montag, hat mir der Kurs richtig Spaß gemacht. Wieviel Arbeit man sich hinterher noch macht, liegt an einem selbst. Ich bin jedenfalls im Moment wieder hochmotiviert, an Schnittmustern zu arbeiten. Dieser interessante Latzrock gefällt mir sehr und ist nicht schwer zu konstruieren. Ich staune auch immer wieder, wieviele sich ähnelnde Schnittmuster verkauft werden und wer die alle kauft. Es ist wirklich nicht schwer, selbst zu konstruieren. Allerdings sind die Sachen der 60er Jahre auch besonders einfach, Alice verwies auch darauf, dass Mary Quant eine geniale Geschäftfrau war, denn die damalige Mode war schnell zu nähen und verbrauchte wenig Stoff, dadurch steigt logischerweise die Gewinnspanne.

Auf bald, Anja



Mittwoch, 5. Juli 2023

Me made Mittwoch - Halla Coat aus "Breaking the Pattern" Named Clothing

Nun bin ich doch beim Me made Mittwoch. Obwohl das genähte Kleidungsstück zwar fertig ist, aber noch geändert werden muss. Es fehlt nicht mehr viel und natürlich mache ich es fertig, denn Ufos sind nicht meine Sache. Allerding steigen die Temperaturen wieder und die Jahreszeit, in der das genähte Kleidungsstück getragen werden kann/soll, ist noch weit entfernt. Wenn die Kisten mit den Wintersachen wieder ausgepackt werden, treffe ich eine endgültige Entscheidung, ob es geändert für mich tragbar ist oder nicht.

Der Mantel Halla, den ich mit viel Engagement und Elan in der letzten Woche zugeschnitten und genäht habe, passt nämlich nicht. Da ich bereits das Saraste Dress aus dem Buch der beiden Named Schwestern genäht habe, liegt es kaum an der Größe, denn das Kleid passt perfekt. Vermutlich fehlt an dem Mantel erhebliche Mehrweite oder mein Stoff ist zu dick und trägt die gesamte Mehrweite auf oder ich bin zu anspruchsvoll geworden, was die Passform/Bequemlichkeit eines Mantels betrifft. Mir fällt gerade ein, dass ich schon einmal einen Mantel mit dem gleichen Problem genäht habe (Stokx Stadtmantel). Das Hauptproblem, ich nenne es schon mal vorab, sind die Ärmel. Dass sie zu kurz sind, ist eine Sache, das kann ich noch ändern, indem ich Futterstoff innen ansetze. Aber sie sind mir auch zu eng. Jedenfalls werde ich keine gestrickten Wollpullover darunter anziehen können, das ist klar. Ich finde nicht, dass ich besonders dicke Oberarme habe, es muss also an meiner Einstellung zum Ärmel oder am Schnitt liegen.


Begonnen hat das ungewöhnliche Sommerprojekt damit, dass das Buch "Breaking the Pattern" in deutscher Übersetzung in der Bibliothek für mich bereit lag. Bestellt hatte ich es aus einem anderem Grund, der sich zwischenzeitlich erledigt hatte. Am vorletzten Tag der Karstadt Auflösung Ende Juni (bis dahin bin ich stark geblieben und habe nur platzsparende Knöpfe, Garn und Reißverschlüsse gekauft) waren die noch verbliebenen Stoffe um 90 % reduziert. Verblieben waren insbesondere Winter- und Karnevalsstoffe sowie reichlich Venezia Futter in allen möglichen Farben. Bei den Preisen und den Stoffen, die da noch lagen, konnte ich nicht Nein sagen und bin mit 13 m Stoff nach Hause marschiert (davon 6 m Futter, das zählt vielleicht nicht so ganz).

U.a. lagen auf 2 Rollen 2 unterschiedlich gefärbte Fake Fur in, ich nenne es mal, Nerzoptik, die waren bereits mehrfach reduziert, leider war von jedem Stoff nur noch ca. 1 m da, auch etwas schief geschnitten, also im Bruch nicht mal 1 m. Aber zusammen kann man daraus etwas nähen. Von dem Mantel Halla aus dem Named Buch gibt es etliche Bilder, auf denen Kragen und falsches Revers in Kontrastfarbe genäht sind. Passendes Futter hatte ich im Mai bei Annette Görtz gekauft.

Somit hatte ich eine Inspiration, habe den Schnitt und die Anleitung kopiert und geschaut, wie ich mit dem Stoff hinkomme. Vorder- und Rückenteil, Tasche (verkleinert und ohne Klappe) und die oberen Besätze sind aus Stoff Nr. 1, Ärmel, Belege, Gürtel und Gürtelschlaufen aus Stoff Nr. 2 - und damit war alles restlos aufgebraucht. Ich habe den Mantel um ca. 13 cm gekürzt und ich konnte die Ärmel nicht verlängern. Damit bin ich hinsichtlich der Ärmel ein Risiko eingegangen. Aber irgendwie dachte ich, es ist vielleicht nicht so schlimm.

Ich habe dann zugeschnitten und eigentlich war der Plan, die Teile im Herbst zu einer Nähreise mitzunehmen. Das Wiegen ergab fast 1,7 kg Stoff. Da ich zu der Nähreise mit Flugzeug und 8 kg Handgepäck reise, keine so gute Idee. Da schon alles zugeschnitten war, es letzte Woche und vor allem am Wochenende nicht so heiß war, habe ich immer mal wieder genäht. Mit den Details (geflochtener Aufhänger, Etikett, kleines Herz an der Tasche) machte ich mir ein bisschen Mühe. Dafür habe ich auf Schulterpolster und Ärmelfische verzichtet. Einige Handnähte habe ich durch Maschinennähte ersetzt.



Bis zum Ansetzen der Frontbelege an den Mantel passte auch alles prima, sogar das Einsetzen der Ärmel verlief reibungslos. Mir ist dann die aufgebügelte Einlage förmlich "abgefallen", vermutlich ist sie "überlagert". Dann stimmte irgendwas mit der Länge der Belege auf der einen Seite nicht. Da ich die Gürtelschlaufen (weil sie so massiv aussahen) aus der Seitennaht getrennt hatte, war wieder ein bisschen Stoff da (habe den aufgetrennt und zu einem Stoffstück zusammen genäht), um den Beleg unten anzugleichen.

Als nächstes ergab die Anprobe, dass die Ärmel massiv zu kurz sind, sie endeten gut 2 cm oberhalb des Handgelenks: weiter kürzen zu 3/4 Ärmeln ist bei einem Wintermantel keine Option. Was tun? Ich habe den Gürtel auf einer Länge von 2 x des Ärmelumfangs aufgetrennt und daraus Besätze genäht. Der Gürtel wurde somit zum Binden zu kurz, er bekam einen D-Ring aus dem Fundus zum Schließen.

Abschließend habe ich die Besätze unten an die Ärmel genäht und den Futtermantel an den Mantel genäht, über die Öffnung gewendet, die Ärmel ans Futter genäht. Und blöderweise habe ich das Futter nicht in der Länge angepasst, jetzt zieht das Futter den Ärmel in die Höhe und verkürzt ihn wieder. Wenn man genau schaut, sieht man das auf den Fotos unten. Futter ist noch reichlich da. Mittlerweile sind die Ärmel vom Futterärmel getrennt. Das sieht dann so aus:

Meine Lust weiterzumachen, ist im Moment gering. Es wird auch wieder wärmer. Und - wie gesagt - der Ärmel ist mir vermutlich auch zu eng.

Für die Fotos (vor dem Auftrennen der Ärmelsäume) habe ich eine Jeans und eine langärmlige Bluse angezogen (mit Blusen geht es), vorne habe ich 2 dicke Druckknöpfe angenäht. Die Wendeöffnung ist noch offen, denn zur Verlängerung der Futterärmel und zum Zusammennähen brauche ich die noch. Vielleicht nimmt auch meine Tochter den Mantel, er könnte ihr passen, ich habe das Gefühl, dass mir der ganze Mantel zu klein ist bzw. die Ärmelweite oben nicht meine Anforderungen an einen gemütlichen Wintermantel erfüllt. Ich trage lieber oversize. Aber die Haptik ist sensationell, so weich.



Schwierigkeitsgrad: machbar, die Anleitung ist gut verständlich, der Teil mit dem Futter etwas unklar, aber da habe ich mich an dem Video zum Mantel Tiffany orientiert. Das Nähen mit dem dicken Fake Fur war an manchen Stellen etwas fummelig, es hat zum Glück nicht so schlimm gefusselt wie ich befürchtet habe. Ich habe mich nicht akribisch an die Anleitung gehalten, das zumindest habe ich vom letzten Projekt, dem Calvari Dress, mitgenommen. Mein Fehler, dass ich vorher nicht ordentlich ausgemessen und angepasst habe.

Kosten: gering, 9 Euro Stoff aus der Karstadt Insolvenz und Futter vom Annette Görtz Outlet Sale, D-Ring, Druckknöpfe, Garn aus dem Bestand

Zeitaufwand: reichlich, ca. eine Woche immer mal wieder abends und am Wochenende mindestens 2 halbe Tage.

Der Mantel hat einen Bindegürtel, damit finde ich die Optik suboptimal, erinnert an einen Bademantel:


Was habe ich gelernt: immer, wirklich immer die Ärmel überprüfen und verlängern. Schnittmusterteile mit meinen Maßen abgleichen, wo es wie bei einem Mantel nicht geht, die Maße mit einem gut sitzenden fertigen Teil vergleichen. Bzw. wenigstens den Schnitt ausmessen, was ich diesmal nicht getan habe. Auch Blogbeiträge und Fotos des fertigen Mantels, sofern verfügbar, sind hilfreich, vorher und nicht hinterher recherchieren. Auf denen sieht man (übrigens sogar auf dem Originalfoto aus dem Buch, unten in der oberen Reihe links) zu kurze Ärmel, auf einigen Fotos blitzt der Pullover fast 4-5 cm heraus.

Im Herbst gehe ich den Mantel nochmal an, bis dahin habe ich sicher Muße, die Ärmel zu verlängern und kann gucken, welche Wintergarderobe darunter passt.

Wenn dann die Ärmel verlängert sind, wird er so aussehen:


 Verlinkt beim Me made Mittwoch und der einzige Wintermantel, den es heute dort zu sehen gibt, aber es gibt jemanden in einem winterlichen Kleid, allerdings von der Südhalbkugel:-).

Viele Grüße

Anja