Montag, 23. Juni 2025

Milan - Milano - Mailand

Vor einer Woche war ich in Mailand, ich schwelge noch in Erinnerungen von diesem tollen Wochenende. Eigentlich bin ich dorthin gefahren, um an den Milanfrocktails teilzunehmen. Weil es sich aber nicht lohnt, nur für einen Abend zu fahren, habe ich ein bisschen Programm drumherum gebastelt. Ich war seit 1984 nur noch in Mailand, um am Bahnhof umzusteigen. 1984 hat mich Mailand überhaupt nicht überzeugt und mir ist völlig schleierhaft (gewesen), warum die Menschen jetzt andauernd dorthin fahren.

Egal, die Milanfrocktails boten den Anlass, mich von anderem zu überzeugen (oder auch nicht), außerdem wollte ich unsere Austauschschülerin samt Familie besuchen. Mailand ist Frankfurts Partnerstadt und es gibt einen Austausch mit italienischen Schülern, die Deutsch lernen (und wenigen, die in Deutschland Italienisch lernen), insofern werden immer weitere Gastfamilien gesucht, die noch jemanden aufnehmen, das haben wir vor ca. 8 Jahren gemacht.

Norditalien, Mailand, die Region um den Comer See, Biella, Brescia, alles Orte, die mit Textil im weitesten Sinne zu tun haben. Webereien, Textilhändler, Designer, ziemlich viele Unternehmen haben ihren Sitz in dieser Region.

Unbekannt war mir die italienische Nähmaschinenmarke Necchi, die es heute noch gibt. In meinen italienischen Nähheften werden die Maschinen auch beworben. In Mailand gibt es die casemuseodimilano, das sind Wohnhäuser, die für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden und Museumscharakter haben. Eines dieser Gebäude ist die Villa Necchi Campigli, das ehemalige Wohnhaus der Industriellenfamilie, hier Näheres dazu. Im Kaminzimmer gleich hinter dem Eingang eine kleine Nähmaschine als Dekoration.


Es gab 3 oder 4 riesige Badezimmer, für die Zeit sehr modern eingerichtet, im Damenbereich reichlich Utensilien für die Pflege, die Haare usw. Die Temperaturen in Mailand lagen immer über der 30 Grad Marke. Gerne hätte ich die Dusche oder den Pool im Garten benutzt. Gekleidet war ich an allen Tagen mit luftiger Seide. Das funktionierte super und sprengte auch nicht mein 45x36x20 cm Handgepäck im Low Cost Carrier.


Selbstverständlich hat die Hausherrin reichlich Kleidung, Schuhe, Schmuck, Hüte, Handtaschen gehabt. Alles anzuschauen, superspannend.


Im Prinzip liegt die Villa zentral in Mailand, dennoch ist sie von einem wunderbaren Park umgeben. Man kann in einem Cafe verweilen. Gerade, wo ich kürzlich in der Villa des Bielefelder Wäschefabrikanten gewesen bin, schien mir dieses Gebäude um Etliches luxuriöser zu sein. Große Empfehlung, vor allem wer den Baustil der 30er Jahre mag.


Weiter ging es ins Triennale Museum, auch hier überraschte mich in der Design Abteilung eine "moderne" Nähmaschine der Marke Borletti, entworfen von Marco Zanuso. Die Firmengruppe Borletti gibt es noch, allerdings keine Nähmaschinen dieser Marke mehr.


Weiterhin war im Triennale eine kleine Fotoausstellung des Modefotografen Alfa Castaldi: Dialoghi di Stile, es waren Modefotografien verschiedener Perioden den Bildern der normalen Leute/Einwohner gegenübergestellt.



Und immer noch im Triennale - gleich am Eingang: Quilts. Arbeiten des Projekts Sewing for Justice, die in Gedenken an das Feuer im Grenfell Tower vor 7 Jahren erinnerten. Sehr eindrucksvoll.



An der Piazza Cadorna nahe Triennale gibt es eine Skulptur von Claes Oldenburg, eine Nadel mit Faden und einem Knoten, der an anderer Stelle auf dem Platz aus der Erde heraus kommt. Diese Skulptur verbindet die Idee von Mode und Werkstätten in Mailand mit dem Neubau des Bahnhofs Cadorna, der alte war da, wo der Knoten aus der Erde kommt, der neue Bahnhof ist dahinter gelegt, der unterirdische Teil des Fadens spielt auf Züge, die in einen Tunnel fahren, an. Die Farben des Fadens geben die Farben der Metrolinien wider. In Cadorna treffen Metrozüge auf Eisenbahnzüge.


Ich werde in der nächsten Zeit noch über meinen Besuch in den ArmaniSilos, im Modemuseum (Galtrucco Ausstellung) und natürlich über die Milanfrocktails berichten. Für letztgenanntes warte ich noch auf die offiziellen Fotos, ich habe nämlich quasi keine eigenen Bilder gemacht.

Lieben Gruß, Anja

Sonntag, 22. Juni 2025

Hemdblusenkleid - Sew Along Teil 2

Ich gehöre ja eher zu der schnellen Sorte, wenn ich etwas anfange, mache ich schnell weiter. Der Schnitt aus dem Heft (Details in Teil 1 des Sew Alongs) war schnell kopiert. Ich habe mich für die kleinste Größe, eine italienische 46 entschieden, obwohl eine 44 eigentlich meinen Maßen entsprochen hätte, aber bei Oversize sollte größer unproblematisch sein. Inzwischen habe ich auch bei vielen Teilen eine gewisse Routine. Der Bogen in La mia Boutique ist außerdem deutlich übersichtlicher als bei Burda.

Im Anschluss habe ich die Vorder- und Rückenteile und die Ärmelergänzungen samt Zwickel aus Bettwäsche zugeschnitten, gesteckt und grob zusammen geheftet. Das Ergebnis der Anprobe war ernüchternd. Der Ärmel viel zu eng, das Armloch insgesamt zu klein. Der Stoff bollerte oben an der Schulter. 

Ich habe mir daraufhin den Schnitt angeschaut und mich gefragt, wie ich anpassen kann. Ein relativ schwieriges Vorhaben wie mir schien. Wenn man sich das Foto im Heft in meinem letzten Beitrag anschaut, kann auch schon der Gedanke kommen, dass da irgendein technischer Fehler oder ein technisches Problem oberhalb der Brust besteht. Der Fall des Kragens sieht ungewöhnlich aus.

Im Vorfeld haben einige vor den Einsätzen am Ärmel gewarnt, dass die auch schnell ausreißen können. Damit hatte ich bisher keine Erfahrung, aber Optik insgesamt und Passform gehen für mich eindeutig über spezielle Nähdetails, die schwer anzupassen sind. Das mit der Besonderheit an der Manschette wäre mir auch nicht aufgefallen, wenn da nicht einige in den Kommentaren drauf verwiesen hätten.


Wie also weitermachen? Ich bin wirklich sehr, sehr froh, ein Probemodell gemacht zu haben. Aus dem letztes Wochenende in Italien gekauften Stoff (ja, nachdem ich in Frankfurt nichts gefunden habe, habe ich gezielt bei New Tess gesucht), werde ich etwas anderes nähen. Von dem anderen Modell nehme ich definitiv erstmal Abstand. 

Übrigens große Stoffladenempfehlung, gigantische Farb- und Qualitätsauswahl), in der Nähe der Navigli und des ArmaniSilos gelegen und damit gut einzubauen, wenn man in Sachen Fashion in Milano unterwegs ist, ich berichte natürlich noch über das Wochenende (nur auf die Öffnungszeiten muss man achten, in Italien aber generell ein Thema).

Hier eine Aufnahme des Stoffes, es war ein Seidenrest, eine Taffettaseide, damit fällt sie ähnlich einem Popeline, der Stoff hat eine wunderbare Farbe zwischen meerblau und meergrün, was auf dem Foto nicht so gut erkennbar ist, 1,7 m, die um 70 % reduziert waren. Ansonsten wäre der Stoff im preislich indiskutablen Bereich gewesen. Dazu hätten dann andere Knöpfe besser als die vor 2 Wochen gezeigten gepasst, dank Karstadt Auflösung ist die Knopfkiste reich gefüllt.



Kurz vor dem Rückflug habe ich die Dachterasse des La Rinascente am Dom aufgesucht, auf dem Weg nach unten bin ich, da noch etwas Zeit war, durch die Damenbekleidungsabteilung gelaufen. Hemdblusenkleider liegen voll im Trend, war mir nicht so klar, bei fast jedem Designer gab es eines: die Besonderheiten waren entweder die Kragendetails (gedoppelter mehrfarbiger Kragen, offenkantig), der Taillenbereich (angeknöpftes Oberteil oder Gummiband und Schnürung vorn), die Länge meist mini, der Rock manchmal als Faltenrock gearbeitet. Hier eine Collage der spannendsten Modelle, ich bin grundsätzlich total inspiriert und unten habe ich noch mein Lieblingsmodell in groß fotografiert. Dafür ist natürlich ein anderen Stoff notwendig. Ich bin also nochmal in den Frankfurter Stoffladen, der oft Missoni Stoffe hat, aber das, was da war, gefiel mir nicht. Dann muss das Kleid eben warten bis der richtige Stoff kommt. Online bestelle ich nicht gerne.






Damit ist das Thema Hemdblusenkleid allerdings noch nicht beendet. Ebenfalls bei New Tess habe ich einen Seidenorganza gekauft, den wollte ich haben, eigentlich wollte ich mir schon für das Event in Milano einen Soprabito, also ein sommerliches dünnes Teil zum Überziehen nähen, dafür gab es in Frankfurt vorletzte Woche auch nicht den richtigen Stoff (weshalb ich dann ja das Daydress genäht habe), aber bei New Tess gab es natürlich etwas. Die Qualität und Verarbeitungsfreundlichkeit wurde mir von Rebekka, die auf Instagram Gemeine Wildrebe heißt, sehr empfohlen. Das Blau ist eher Kobaltblau, kommt auf dem Foto nicht raus.


Einen Schnitt hatte ich schon, wobei da ja fast jeder Überwurfschnitt geeignet ist. Und siehe da, er hat hemdblusencharakteristische Details, die mir vorher nicht aufgefallen sind. Schnittmuster ist bereits kopiert.




Inwiefern ich den Zeitplan des Sew Alongs einhalte, völlig offen, denn mit dem Organza, der nicht ganz preisgünstig war, werde ich mich erstmal nähtechnisch näher beschäftigen. Ihr werdet das Ergebnis auf dem Blog sehen. Durch die im Urlaub gekauften Hefte und das Event in Milano ist jedenfalls meine Motivation zum Nähen zurück gekehrt.

 Alles Liebe, Anja


P.S. Die weiteren Beiträge des Sew Alongs werden ab heute bei Sie näht schon wieder gesammelt.













Mittwoch, 18. Juni 2025

Daydress für Milanfrocktails

Vergangenes Wochenende war ich bei einem internationalen Sewing Event: Milanfrocktails, darüber berichte ich noch.

Ich hatte eigentlich nicht vor, mir noch etwas extra zu nähen, da mein Kleiderschrank gut gefüllt ist, einige festliche Sachen habe ich auch. Aber für eine Cocktailparty auf einer Dachterasse im Juni in Italien bei zu erwartenden hochsommerlichen Temperaturen, wäre klassische Abendgarderobe sowieso fehl am Platze.

Im Vorfeld des Events gab es eine WhatsApp Chatgruppe, einige besonders ambitionierte Sewistas haben sich für den Aufenthalt nicht nur Cocktailkleider genäht, sondern auch daydresses. Die Wetterprognose deutete auf große Hitze hin. Ich hatte 4 Tage in Mailand geplant. Während meiner Ferien im Mai bin ich bei hohen Temperaturen mit den Seidenkleidern supergut zurecht gekommen und in einer Gruppe von lauter Frauen, die selbst nähen und jeden Tag etwas anderes anziehen, wollte ich nicht die Ausnahme bilden. Also: warum nicht auch noch ein spontanes daydress nähen?

Wegen des Hemdblusenkleid-Sew-Alongs war ich im ortsansässigen Stoffladen. Einen Popeline habe ich nicht gefunden, aber eine schöne Satinseide. Um ehrlich zu sein, bin ich irgendwann schon mal um den Stoff herum geschlichen, habe ihn angehalten, das Ergebnis war: toller Stoff, steht mir super, aber ich brauche kein weiteres Seidenkleid.

Ich hatte mir aus den neuen La mia Boutique Heften einen Schnitt ausgesucht, 1,3 m waren dafür vorgesehen. Da der Stoff ganz unten an der Schnittkante eine kleine Verschmutzung hatte, wurden großzügige 1,4 m geschnitten. Zuhause saß ich dann am vorletzten verregneten Wochenende vor dem Heft und hatte wenig Lust, den Schnitt zu kopieren. Ich erinnerte mich an mein schönes Kleid vom letzten Jahr, dessen Schnitt bereits vorlag und das auch in etwa die gleiche Stoffmenge benötigt. Der Stoff war dann schon ziemlich knapp, der Schal ist schmaler geworden als im Original und gestückelt, die Schrägbänder musste ich nicht stückeln. Das Kleid ist allerdings einen Tick schmaler als das letztes Jahr genähte, sonst hätte es nicht (gegengleich) auf den Stoff gepasst. Aus den Resten, Foto oben, habe ich noch ein Scrunchie gemacht. Der Stoff ist damit quasi komplett verbraucht worden.


Die Seide ist etwas dünner und flutschiger als die von Max Mara, ließ sich aber super vernähen, ich musste diesmal nichts an der Nähmaschine verstellen. Habe wie üblich französische Nähte mit Microtexnadel und Geradstichplatte genäht. Die noch dünnere Seide war perfekt für Temperaturen um die 35 Grad, bei denen ich viel unterwegs war. Man sieht am Ende des Tages (vor dem Abend) die Knitterfalten auf dem Bild oben. 

Dadurch, dass ich nur sehr dünne, sehr leichte Kleidung dabei hatte, die sich untereinander kombinieren ließ, reichte auch mein Easy Jet Handgepäck aus. Sogar um im Stoffladen noch 3 zauberhafte (ebenfalls leichte, dünne) Stoffe zu kaufen (und ein paar andere kleine Mitbringsel, der Daypack war bei der Rückreise jedenfalls knallevoll).

Zusammenfassung:

Schwierigkeit: einfach und schnell, da es ein Wiederholungskleid ohne große weitere Anpassungen war

Kosten: 1,3 m Seide für ca. 54 Euro von JP Export, Knöpfe, Garn usw. aus dem Bestand

Zeitaufwand: 1 Tag, Schnittmuster war schon kopiert, Handsaum hat vermutlich am längsten gedauert

Ich habe das Kleid den ganzen Tag gerne getragen und mich damit bei der Hitze perfekt gekleidet gefühlt. Unten eine Aufnahme vom Stoffladen, wo wir den Verkäufer geben haben, ein Gruppenfoto zu machen: lauter super gekleidete Damen.


Sommerliche Grüße, inzwischen aus Frankfurt

Anja

Sonntag, 8. Juni 2025

Hemdblusenkleid - Sew Along Teil 1

Hallo zusammen, ich hatte kürzlich einen langen Urlaub und wie es so ist, habe ich mir mehrere Nähzeitschriften gekauft. Ich dachte eigentlich, die La mia Boutique wäre nach diversen Schwierigkeiten in den zurückliegenden 10 Jahren vom Markt genommen worden, weil ich sie in den letzten 2 Jahren in keinem Kiosk in Italien mehr gesehen habe und die aktuelle Ausgabe auch nicht mehr im Frankfurter Bahnhofsbuchhandel zum Verkauf angeboten wird, aber diesmal wurde ich sogar mehrfach fündig.

Die alten Hefte werden in Doppelpacks zu ermäßigtem Preis verkauft, die neuen Hefte jeweils mit irgendwelchen alten Verlagsbeigaben (bei mir ein Heft mit Weihnachtsnähgedöns, das ich nach dem Durchblättern gleich im Zug entsorgt habe).

Leider ist alles in Folie eingeschweißt, so dass ein Durchblättern im Kiosk nicht vor dem Kauf möglich ist. Aber ich habe in jedem der Hefte eine Inspiration gefunden. Meist muss man auf den zweiten Blick schauen, die Fotos in La mia Boutique sind unterirdisch schlecht, die technischen Zeichnungen jedoch aussagekräftig. Eines meiner ausgewählten Modelle ist eine Hemdbluse. Tina, meinte, so, wie sie meinen Stil einschätzt, würde diese lange Hemdbluse (83 cm Rückenlänge, was tatsächlich nur 2 cm weiniger ist als die Rückenlänge eines Kleides, das ich aus einem anderen Heft ausgewählt habe) als Kleid durchgehen.

In der Vergangenheit habe ich zwei Hemdblusenkleider genäht:

Modell 1, das Saraste Hemdbluenkleid von Named , das ich nach Fertigstellung etwas zweifelnd beäugte. Diese Zweifel haben sich leider nicht gelegt. Es wird fast nie getragen. Es liegt nicht an der Farbe oder dem Material, den Kragen mag ich auch sehr. Ich glaube, die Länge ist nicht die Richtige für mich. Vielleicht muss ich das Kleid mal weiter nach vorne in den Kleiderschrank hängen, um es neu zu erkunden. 

Modell 2, das Calvari Dress von Pauline Alice Pattern hingegen wird trotz seiner erheblichen nähtechnischen Mängel (die auf einer mangelhaften oder komischen Anleitung beruhten sowie zahlreicher Armlochanpassungen, die ich irgendwann nach dem "irgendwie wird es schon aufgehen" Prinzip vorgenommen habe, rauf und runter getragen. Ich fühle mich darin superwohl und bekomme viele Komplimente. Es hat sicher mit dem tollen Stoff und der perfekten Farbe zu tun. Den Gürtel, den ich ursprünglich ergänzt habe, brauche ich nicht. Kürzlich habe ich im Wald einen Knopf verloren und den Knopf vom Gürtel als Ersatz verwendet.

Nun zu meinem geplanten Modell aus der La mia Boutique vom Mai 2025. Mir gefallen vor allem die großen interessant geformten aufgesetzten Taschen und die lockere Oversize Form. Eine genauere Untersuchung der Schnittmusterteile ergibt (siehe Skizze unten), dass der Ärmel komplett anders geschnitten ist. Seht selbst:




An sich möchte ich keinen neuen Stoff kaufen. Ich habe noch 3 m eines dünnen Blusenstoffes (irgendeine Baumwoll-Tencel-Viscose Mischung, fühlt sich aber in jedem Fall hochwertig an) aus dem Annette Görtz Stoffoutlet. Der Stoff war sehr günstig (2 Euro der Meter), er stand irgendwo in einer Ecke, Sybille hat ihn entdeckt und als Futterstoff für irgendetwas erkoren. Da ich vor längerer Zeit eine tolle Mantelwolle in dieser Farbe gekauft hatte, dachte ich, super, könnte auch als Futter passen. Und der Stoff passt perfekt zu der Wolle, 2 -3 Nuancen heller, aber der gleiche Ton.

Insofern eigentlich reserviert für den Mantel. Die Anprobe am Gesicht ergab für mich auch, das Oliv ist mir gesichtsnah zu hell, zu wenig Kontrast. Ich würde eine Bluse in dieser Farbe vermutlich nicht oft tragen.


Also bin ich gestern Nachmittag in den Stoffladen gegangen, um mich umzuschauen. Ich suche eine schöne feste Popeline, gerne in einem Hellblau-Mittelblau-Ton.  Es gab zwar diese Farbe, Baumwolle, aber die Haptik des vorhandenen Stoffes sprach mich nicht 100 % an. Knöpfe für eine derartige Farbe habe ich aber immerhin schon mal in der Knopfkiste gefunden, auch aus dem Annette Görtz Outlet. 



In dem Stoffladen habe ich allerdings einen anderen Stoff gefunden, den ich irgendwie dringend für nächstes Wochenende brauchen konnte und an dem ich bereits nähe, ist sogar fast fertig. Auch eine Inspiration aus einer der La mia Boutique Hefte. Mit dem Hemdblusenkleid habe ich glücklicherweise noch einen Tick Zeit. Außerdem habe ich die Hoffnung, nächstes Wochenende bei dem Treffen mit anderen Nähbegeisterten den absolut ultimativen Stoff zu finden. Soviel zu "Ich will eigentlich keinen Stoff kaufen". 

Das wäre es für's Erste von mir. Jetzt bin ich gespannt auf alle weiteren Beiträge, die sich heute bei Manuela finden.

Lieben Gruß, Anja

Mittwoch, 4. Juni 2025

Norman Parkinson - Always in Fashion - Fotoausstellung im Vorbeigehen entdeckt

Ich finde, dass man manchmal ungeplant die besten Entdeckungen macht. Vor 3 Wochen kam ich mittags in Turin an und bin im Vorbeigehen auf dem Weg vom Porta Susa Bahnhof zum Zimmer/Studio an diesem Plakat vorbeigekommen. Da ich den Nachmittag bereits anderweitig verplant hatte, nahm ich mir vor, die Ausstellung in jedem Fall anzuschauen. Auf dem Rückweg würde ich wieder einen Tag alleine in Turin verbringen und hatte noch keine Pläne.

Es kam dann aber so, dass mein Mann in einer Oberleitungsstörung feststeckte und erst 4 Stunden verspätet (genauer gesagt um 23 Uhr) in Turin eintraf. Ich hatte also noch etliche Stunden "frei" und da die Ausstellung bis in den Abend hinein geöffnet war, bin ich statt zur Abholung meines Mannes am Porta Nuova Bahnhof in die Ausstellung gegangen.


Norman Parkinson, nie gehört. Umso spannender, die Fotos anzuschauen, die Lebensgeschichte dieses beeindruckenden Mannes kennen zu lernen und sich mit der Mode der gesamten zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts visuell zu beschäftigen. Ich hatte ja richtig viel Zeit und habe mir somit auch den 60 Minuten Film über ihn angeschaut, was sich wirklich gelohnt hat.


Die Räume im Palazzo Barolo waren wunderschön, barocke Decken und Wandgemälde, goldener Stuck, alles ein bisschen verblichen, dennoch ein Kontrast zu den Fotos der heutigen Zeit. Aber es hat etwas, bei uns werden Ausstellungen ja meist in nüchternerem Ambiente präsentiert. Einziger Schwachpunkt, es war ziemlich abgedunkelt, so werden die alten Aufnahmen geschützt, erkennen konnte ich alles prima, aber für das Fotografieren war es schwierig.

Parkinson hat ewig lange für die Vogue gearbeitet.


Zwischendrin auch einmal für ein Magazin, das ein junges Publikum in Großbritannien ansprechen sollte. Queen gibt es meines Wissens längst nicht mehr.

Er hat Unmengen von Stars und Möchtegern-Promis fotografiert und war so eine Art Hoffotograf des Königshauses. Bei dem Foto unten, das aus der Serie des Ausstellungsplakates stammt, finde ich Körperhaltung und Fall des Kleides sehr merkwürdig, wahrscheinlich oben herum zu weit, zu groß.


Viele, viele Schwarz-Weiß Aufnahmen. In der Nachkriegszeit ganz oft von seiner späteren Frau, dem Fotomodell Wenda Rogerson,






Kurios fand ich die Geschichte mit den Straußen. 1951 hatte Parkinson den ersten internationalen Auftrag für Vogue in Südafrika. Er bat Wenda, mit der er bereits seit 1947 verheiratet war, sich auf einen Strauß zu setzen. Dieser raste daraufhin los. 30 Jahre, nachdem das o.g. Foto entstanden ist, erinnert sich Wenda, dass Norman ihr zugerufen hat "Zeig mehr Profil, mehr Profil". Von einem Sturz ist zum Glück nichts bekannt.

Hier habe ich eine Übersicht einiger Ausstellungsfotos in besserer Qualität gefunden. Wenn man seinen Namen in Zusammenhang mit Foto in eine Suchmaschine eingibt, kommt auch eine tolle Auswahl.

Danke fürs Schauen und herzlichen Gruß, Anja


Samstag, 31. Mai 2025

Dirndl oder so etwas ähnliches

Der Post war bereits fertig, aber noch nicht veröffentlicht - wie ich jetzt bei der Rückkunft aus den Ferien gemerkt habe. Die Schürze, nix Dolles, war schnell genäht und ist schon mehr als 3 Wochen fertig. Post jetzt mit Verspätung veröffentlicht.

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Mir ist bewusst, dass ich mit diesem Thema, mit diesem Post unterschiedliche Reaktionen hervorrufen werde. Als in Nordrhein-Westfalen geborene, die in den 90er Jahren eine Zeitlang als "Preussin" in München lebte, wo es aber schon damals massenhaft Zugezogene gab, habe ich bisher nie das Bedürfnis verspürt, ein Dirndl zu besitzen bzw. zu tragen. Selbst zur Wiesn war das in den 90ern nicht "notwendig".

Erst nach dem Besuch der Dirndl-Ausstellung in Augsburg, von der ich hier ausführlich berichtet habe, kam der Wunsch, mich für einen geplanten Termin im Juli (Kocherlball) derartig zu kleiden, manche würden sagen zu verkleiden. Durch die Ausstellung habe ich immerhin gelernt, Tracht von Dirndl zu unterscheiden und Dirndl als unterschiedlich zu interpretierendes Kleidungsstück zu sehen. Tradition ist nicht so meins.

In meinem bayrischen (und fränkischen) Bekanntenkreis gibt es sehr unterschiedliche Meinungen zum Dirndl, die einen lieben es und tragen es ganz selbstverständlich (selbst 50 km von Frankfurt entfernt zu Festen im Spessart/Unterfranken/Bayern), andere wiederum stellen es in Frage und würde so etwas niemals anziehen, außer (Zitat) "Zum Kocherlball würde ich gerne mal gehen, da zieht man ein Dirndl an". Die betreffende Person besitzt auch ein ca. 20 Jahre altes Festtagsdirndl, das zur Hochzeit eines Verwandten getragen wurde, wo eben alle in "Tracht" erschienen sind (in Oberbayern).

Here we go: als Basis für das Kleidungsstück, nennen wir es im Folgenden Dirndl, dient mein Weihnachtskleid von 2022, ein sehr selten getragenes Kleid (1 x Weihnachten, 4 x in die Oper/Festspiele), das es verdient, häufiger aus dem Schrank geholt zu werden.  Es passt und hat mit seinen Trägern und dem weiten 50er Jahre Rock die richtige Form.


Meine Ursprungsidee war eine Schürze, gerne handgestiftelt, rings um den Ausschnitt eine Froschgoscherlborte und darunter eine Dirndlbluse (ggf. mit einem zu kaufenden Dirndl-BH, den Unterschied habe ich bei Anprobe im Trachtenladen in Mammendorf vor dem Ausstellungsbesuch in Augsburg gemerkt, bis dato wusste ich nicht, dass es spezielle Dirndl-BH gibt).

Ich habe verschiedene Stoffreste, die für eine Schürze in Frage kommen, zur Diskussion gestellt. Es wurde der rote Futtertaft (Venezia aus der Karstadtauflösung), der exakt für die Schürze in der richtigen Länge und Breite und ein paar Bänder reichte.

Statt Handstifteln (immerhin Beleg innen oben und unten eine Kante zum Beschweren aus alter schwerer Tischdecke) habe ich dann doch lieber Falten gelegt, ich persönlich finde, dass sie weniger dick machen.

Dann habe ich verschiedene Anleitungen und Videos zu den verschiedenen Borten gelesen/geschaut. Und ausprobert. Aber schon nach dem ersten Versuch war ich mit meiner Geduld am Ende. Es braucht sehr ordentliches Arbeiten und viel Handarbeit. Dazu fehlte mir schlichtweg die Lust. Der Vorteil: dadurch, dass keine Borte am Ausschnitt festgenäht ist, kann ich das Kleid jederzeit wieder als Opernkleid tragen.

Auf den unten angefügten Fotos habe ich die Bänder in die Haare und um den Hals gewickelt, da kann man noch optimieren. Außerdem trage ich statt einer Bluse ein Unterkleid, das am Ausschnitt hervorblitzt wie es sein soll. 


Das Schürze binden muss ich noch lernen, ich glaube aber, links ist für mich die richtige Seite.

Meine Büropumps kann ich prima dazu anziehen. That's it. Für den Kocherlball wird es reichen. 


Zusammenfassung:

Aufwand: viel Recherche, Ausprobieren, Ausmessen über eine Woche, ein Wochenende

Schwierigkeitsgrad: einfach, weil ich auf die ganzen Handnähsachen verzichtet habe (die Borte insbesondere)

Kosten: Rest Venezia aus der Karstadtauflösung, vermutlich 2 Euro der Meter oder weniger, also quasi keine Kosten

Und damit verabschiede ich mich, lieben Gruß, Anja


P.S. am 18.7.2025: Der Kocherlball naht, übermorgen ist es soweit und ich habe mir eine last minute Dirndlbluse genäht. Aus meinem Block mit einem kleinen Stehkragen, den leicht längselastischen Spitzenstoff gab es für 12 Euro den Meter im örtlichen Laden, 80 cm haben gut gereicht. Ich habe Vorder-, Rückenteil nebeneinander längs und die Ärmel jeweils an die Webkante gelegt. Nach 3 Stunden Arbeit war die Bluse fertig. Tragebilder folgen. Auch bei dieser Bluse habe ich mich an das fertige Objekt herangetastet: Abnäher im Rücken und unter der Brust ergänzt nach Gefühl, die Ärmel nachträglich verschmälert, den Mini-Rollkragen mit Hilfe von 2 Abnähern nachträglich enger genäht. Alles ist mit einem kleinen Zickzackstich genäht. Hat wunderbar funktioniert, Spitze lässt sich gut verarbeiten.


 Und hier noch mit dem Outfit von oben:




Dienstag, 13. Mai 2025

Museum Wäschefabrik in Bielefeld

Meine Zeit ist Ostwestfalen-Lippe ist dem Ende entgegen gegangen. Ich hatte noch einige Sachen auf meiner Agenda, die ich unbedingt sehen, erledigen wollte. Dazu gehört das Museum Wäschefabrik in Bielefeld. Die Öffnungszeiten sind nicht optimal, nur sonntags geöffnet. Und um am Sonntag dorthin zu kommen, brauchte ich eine Mitfahrgelegenheit. Eine Freundin mit PKW war sehr dankbar, dass ich den Anstoß gab, dorthin zu fahren. Und zufälligerweise sind wir in eine Führung geraten, was super war, denn ohne diese hätten wir deutlich weniger erfahren und hinter zahlreichen Absperrungen bleiben müssen. Die Wäschefabrik liegt wirklich sehr versteckt. Unten der Eingang von der Straße in der Nähe der Ravensberger Spinnerei, die inzwischen umgebaut ist und ein schönes Kino, Museum und Cafe beherbergt. Von der Leineweberstadt Bielefeld sind überwiegend nur noch Industriedenkmale geblieben.

Gegründet von einem sehr jungen Mann jüdischer Herkunft, entwickelte sich die Fabrik vor dem 2. Weltkrieg sehr gut, neben der Fabrik baute sich der Besitzer eine Unternehmervilla, die man ebenfalls besichtigen kann und in der manchmal noch Abendveranstaltungen stattfinden. 1938 musste er seine Fabrik verkaufen, er und seine Familie haben das Land verlassen, haben sich aber nach dem Krieg nicht mehr wieder gesehen, eine tragische Geschichte über einen mutigen Gründer. Einen Überblick über die Geschichte gibt es hier.



Die Büroräume, der Empfangsraum (mit Zigarrenkiste und Cognacschwenkern), die gesamte Ausstattung, Kalender, Familienfotos im Chefzimmer sind original so wie das Gebäude ca. 1980 verlassen wurde. Eine Tageszeitung liegt in der Ecke, Stempel stehen im Karussell auf dem Schreibtisch, Telefonbücher im Regal - als ob die Räume soeben verlassen wurden - eine Zeitreise in die 80er Jahre.

Der Nähsaal mit den Maschinen, Zuschneidetische, Schnittmuster, ein separates Bügelzimmer, Knopfannähmaschinen - lauter Geräte, die sehr alt wirken. Tatsächlich befindet sich ein Konglomerat unterschiedlichster Maschinen in der Fabrik, alles wurde solange repariert und genutzt wie es ging. Ich stelle mir das Arbeiten in dem Raum (der immerhin gutes Tageslicht hatte, wie von der Museumsführerin betont wurde) sehr furchtbar vor: laut, schlechte Luft, eng. Der Pausenraum war im Keller und aus heutiger Sicht wirklich ungemütlich, klein und dunkel.

Im Flur ist ein Regal mit Stoffen, die bereits eingekauft waren, aber nicht mehr verwertet wurden. Alles wird exakt so konserviert wie es verlassen wurde.



Im Anschluss an die Besichtigung der Fabrik, hatten wir noch Gelegenheit in die Unternehmervilla zu gehen und dort einige Räume zu sehen. Eine Zeitreise in die 50er und 60er Jahre als die Fabrik und die Villa von den beiden Brüdern Winkel und ihren Familien bezogen wurden.


Kein großes Museum, aber sehr lohnenswert. Ich glaube, einige, die sich regelmäßig zur AnNäherung in der Jugendherberge Bielefeld treffen, kennen es bereits.

Am Bahnhof noch die Seidensticker Werbung. Wie wir in der Führung gehört haben, werden auch bei Seidensticker weiter massiv Arbeitsplätze abgebaut. Produziert wird anderswo.


Viele Grüße, Anja